Bestseller mit schalem Beigeschmack. Die polnische Ausgabe von „Mein Kampf“

Seit Ende Januar gibt es in Polens Buchhandlungen eine Übersetzung von Hitlers „Mein Kampf“ zu kaufen, erschienen im Warschauer Verlag Bellona. Die Übersetzung stammt von dem bekannten Historiker und Politologen Eugeniusz Cezary Król, der auch das Vorwort und die Anmerkungen verfasst hat. Das Buch erschien in einer Erstauflage von 4000 Exemplaren. Diese Publikation war schon heftig umstritten, noch bevor sie öffentlich vorgestellt wurde. Dem Verlag wurde vorgeworfen, er wolle an dem kontroversen Buch schnelles Geld verdienen, wofür die Kritiker Belege in dem grellen Einband, in dem in Fraktur gesetzten Titel auf rotem Grund und vor allem in dem hohen Ladenpreis sahen, der allerdings kurz darauf gesenkt wurde. Nach wenigen Wochen im Handel war Hitlers Buch in Polen zum Bestseller geworden, wie das Internetportal gazeta.pl berichtet. Da die Erstauflage bereits ausverkauft war, kündigte der Verlag weitere 4000 Exemplare an.

Ist es überzeugend, wenn der Herausgeber angibt, Ziel des Projekts sei, „den Menschen ins Bewusstsein zu führen, wohin eine solche Ideologie, solche Lügen und Verfälschungen führen. Wie leicht sich die Demokratie in einem einwandfrei funktionierenden Staat demontieren lässt, wie es die Weimarer Republik war“? Und lässt sich seine Ankündigung bestätigen, die Ausgabe werde zur „Grundlage für zahlreiche Untersuchungen und Forschungsprojekte“ werden?

Krzystof Ruchniewicz: Bestseller mit schalem Beigeschmack. Die polnische Ausgabe von "Mein Kampf"

Mein Kampf. Kritische Edition, übersetzt und herausgegeben von Eugeniusz Cezary Król, erschienen bei Bellona

„Ein unheilvolles Buch“

Es versteht sich, dass „Mein Kampf“ (im folgenden MK) längst den Weg aller vergessenen Bücher gegangen wäre, wäre da nicht Hitlers Persönlichkeit und Laufbahn. Im frühen 20. Jahrhundert wurden sehr viel interessantere Werke zur Bedrohung der Zivilisation und zur Rivalität von Rassen und Nationen, von denen bestimmte eine historische Mission hätten und andere minderwertig seien, verfasst. Doch dieses vom späteren „Führer“ während seiner Haftzeit in der Festung Landsberg geschriebene Werk sollte zur „Bibel des Nationalsozialismus“ werden.

Wieso MK zu einem derartigen Bestseller wurde, darüber sind schon ganze Buchregale gefüllt worden. Zu seiner Verbreitung hat sehr wesentlich die atemberaubende Karriere Hitlers beigetragen, die ihn vom unscheinbaren Anführer einer belanglosen politischen Gruppierung in der deutschen Provinz, der wie so viele Anfang der 1920er Jahre gegen die Versailler Ordnung Sturm lief, zum charismatischen, von Millionen bewunderten Politiker machten, schließlich zum Reichskanzler und zum unbestrittenen Machthaber.

Sein Anteil am „Bierkellerputsch“ und seine einigermaßen komfortable Haft in der Festung Landsberg verliehen ihm den Nimbus eines Opfers des Versailler „Regimes“ und der verhassten Republik. Die geschickte Vermarktung von MK war Bestandteil der Popularisierung der „Philosophie“ des „Führers“ und seiner Zukunftsvisionen. Seit 1933 wurde das Buch in Massenauflagen herausgebracht, daneben erschien es im Ausland in kontrollierten Übersetzungen. Die Propaganda des NS-Staates beteiligte sich tatkräftig an der Bewerbung des Buchs. Hitler persönlich brachte der Auflagenerfolg Einnahmen in Millionenhöhe ein.

Nach 1945 geriet der Titel aus naheliegenden Gründen in den Ruf eines „unheilvollen Buches“ und durfte in Deutschland mehr als siebzig Jahre lang nicht gedruckt und in Umlauf gebracht werden; sein Gebrauch in den Bibliotheken unterlag strenger Kontrolle, was natürlich seiner wissenschaftlichen Aufarbeitung nicht entgegenstand. Trotzdem wurde das Buch unter dem Ladentisch weitergereicht, kursierte in Schwarzausgaben und in nicht genehmigten Übersetzungen.

Die Münchner Ausgabe

Vor der polnischsprachigen Ausgabe war 2016 die Münchner Ausgabe erschienen. Weil 2015 die Rechte an MK ausliefen, die bis zu diesem Zeitpunkt dem Freistaat Bayern ermöglichten, seine Drucklegung zu untersagen, erarbeitete das Institut für Zeitgeschichte in München eine kritische Ausgabe. Diese sollte dem gefährlichen Text die Zähne ziehen. Dadurch erweiterte sich der Umfang des Werkes auf zwei dicke Bände.

Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition, herausgegeben im Auftrag des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin von Christian Hartmann, Thomas Vordermayer, Othmar Plöckinger, Roman Töppel

Die Herausgeber waren darauf bedacht, durch die sorgfältige wissenschaftliche Einkleidung des Originaltextes einen didaktischen Kontext zu erstellen. Um das Original noch weiter abzuschwächen und zu neutralisieren, griffen sie zu einigen editorischen Kunstgriffen: Die beiden Bände wurde in graues Leinen gebunden, der Buchhandelspreis relativ niedrig gehalten und damit die Ausgabe einem breiten Leserkreis zugänglich gemacht. Es sollte vermieden werden, dass die Publikation im Vergleich mit möglichen kommerziellen, nicht wissenschaftlich bearbeiteten Konkurrenten den Kürzeren zog. Das Ergebnis war eine mustergültige Edition, die sämtliche Ausgaben von MK berücksichtigte, in denen bis 1945 einige Veränderungen und Ergänzungen vorgenommen worden waren.

Die Publikation ist durchgehend in zwei Teile geteilt. Im Quellenteil ist auf der rechten Seite der Originaltext samt späteren Änderungen abgedruckt. Auf der linken Seite befindet sich der kritische Apparat zum Text. Ein Novum ist, dass die Edition quellengestützte Informationen enthält, die über den eigentlichen Text hinausgehen und auf die Konsequenzen von Hitlers Ausführungen verweisen („Edition mit Standpunkt“).

Die Editionsarbeiten dauerten von 2012 bis 2015. Die Herausgeber unterschieden acht verschiedene Kategorien von Kommentaren bzw. Anmerkungen, von denen es in dem Gesamtwerk mehr als 3700 gibt. Dabei handelt es sich um: Verifizierung und Korrektur von biographischen Angaben; Auffindung von Hitlers Quellen, um seine Anregungen aus der deutschen und europäischen Literatur nachzuweisen; Korrektur von Sachfehlern; Kontextualisierung der von Hitler genannten Ereignisse; Erklärung von ideologischen Grundbegriffen; Nachweis von Zusammenhängen zwischen MK und der nationalsozialistischen Politik 1933 bis 1945; Nachweis von Widersprüchen; Einfügung konventioneller Sachverweise. Ein Teil der Kommentare ging also wesentlich über den Quellentext als solchen hinaus, was den besonderen Charakter der Publikation ausmacht.

Zu der Edition wurden didaktische Begleitmaterialien veröffentlicht, welche eigens auf die Nutzung in Schulen zugeschnitten sowie zur Verbreitung über die Bundes‑ und die Landeszentralen für Politische Bildung gedacht sind.

Die polnische Ausgabe

Die polnische MK-Ausgabe sieht völlig anders aus als die Münchner, was mit Blick auf die Unterschiede der Leserschaft, ihres Wissensstandes und ihrer Sozialisation an und für sich noch nicht schlecht sein muss. Der Warschauer Verlag Bellona ist ein bekanntes Verlagshaus, das sich hauptsächlich auf Militärgeschichte spezialisiert. Zu seinem Sortiment gehören verschiedenste Quellenausgaben und Studien. Der Verlag hat Erfahrung mit der Edition von heiklen Texten.

Zur Übersetzung ins Polnische und Erstellung eines Kommentars wurde der bekannte Historiker und Politologe Eugeniusz Cezary Król gewonnen, der sich mit deutscher Geschichte und den deutsch-polnischen Beziehungen befasst. Zu seinen älteren Veröffentlichungen zählen gewichtige Studien zur NS-Propaganda, die immer noch aktuelle und unbedingte Standardwerke der deutschlandkundlichen Literatur in Polen sind. Er ist auch der polnische Herausgeber der Tagebücher von Joseph Goebbels, dem Chefpropagandisten des Dritten Reiches (Verlag Świat Książki).

Zbigniew Czerwiński, Chef von Bellona, äußerte sich zu den Beweggründen für eine polnische Ausgabe von MK und zur Machart der Edition: „Wir wollten eine eigene Textedition, weil die andere [d.h. die Münchner] nicht alle Aspekte erklärt, die uns aus polnischer Sicht wesentlich erscheinen. Das Ergebnis sind eintausend Seiten, zweitausend Anmerkungen, zig Seiten Bibliographie und einhundert Seiten kritische Einleitung von Professor Król […].“

Die Editionsarbeit dauerte drei Jahre. Grundlage war die MK-Ausgabe von 1942. Die Bellona-Veröffentlichung besteht aus Einleitung und Übersetzung. Genügt sie aber wissenschaftlichen Ansprüchen? Wird die polnische Übersetzung um Bestandteile ergänzt, die bei der Veröffentlichung eines solchen Buches notwendig sind? Es ist wichtig, diese Frage zu beantworten, nicht nur mit Blick auf die Fachdiskussion unter Herausgebern von Quellenwerken.

Der grellbunte Einband ist geeignet, das Lesepublikum entweder anzuziehen oder zu empören. Was der Redakteur und Autor der Einleitung, in Personalunion Übersetzer vorgelegt hat, bedarf genauso der Untersuchung und Bewertung wie die Art und Weise der Drucklegung.

Bei der wenn auch ziemlich umfangreichen Einleitung kommen erste Zweifel auf, unter anderem, weil wichtige Forschungstitel und Quellen nicht benutzt wurden; darauf werde ich noch genauer eingehen. Die Entscheidung, die Anmerkungen jeweils am Kapitelende zu platzieren und damit gleichsam in die Rumpelkammer zu verbannen, ist wenig glücklich. Denn damit ist so gut wie sichergestellt, dass kein Leser den Verweisen im Text auch wirklich nachgeht. So etwas sollte nicht in einer Publikation mit wissenschaftlichem Anspruch vorkommen. Und eine MK-Ausgabe sollte in jedem Fall wissenschaftlichen Kriterien genügen, egal, in welcher Sprache und in welchem Land sie erscheint.

Eine vertane Chance

Die Einleitung bringt einen Überblick über die Biographie Hitlers, sein Buch MK und dessen Rezeption in Deutschland und bestimmten anderen Ländern. Wie das Buch in Polen rezipiert wurde und welche Versuche es dort gegeben hatte, MK herauszubringen, behandelt die Münchner Ausgabe nicht. Diese Lücke möchte der polnische Herausgeber schließen. Ist ihm das gelungen? Kann die polnische Fassung, wie angekündigt, zur Grundlage weiterer Untersuchungen werden, die schließlich auf der Grundlage des deutschen Originals schon seit langem betrieben werden?

Hier sei angemerkt, dass bereits vor der Bellona-Ausgabe vier andere polnische Ausgaben von MK vorlagen. Jedoch verfügt keine davon über einen wissenschaftlichen Apparat, und sie erschienen illegal, nämlich ohne Einverständnis des Rechteinhabers [d.h. des Freistaats Bayern; A.d.Ü.]. In einem Fall brachte eine polnische Raubausgabe dem Herausgeber einen Prozess ein.

Ob MK im Original oder in Übersetzung herausgegeben wird – es handelt sich in jedem Fall um eine schwierige Herausforderung. Diese ganz auf sich allein gestellt zu übernehmen, ist mutig. Król ist mit seinem Alleingang der Herausforderung allerdings nicht im erforderlichen Maße gerecht geworden. Auch aus seiner Edition geht nicht hervor, welche Versuche es zur Herausgabe einer polnischen Fassung von MK gab und was dabei herauskam. Was Król hierzu zu sagen hat, ist oberflächlich und lückenhaft. Aus unbekannten Gründen hat er das im Archiv Neuer Akten in Warschau einzusehende Material nicht herangezogen. Es genügt kaum zu erfahren, Król habe den digitalen Katalog des Armeearchivs in Rembertów gesichtet. Sind darin Angaben über alle Bestände zugänglich? Ist es nur ein seit Jahr und Tag umgehendes Gerücht, der Generalstab der Polnischen Armee habe vor 1939 für den eigenen Bedarf eine Übersetzung anfertigen und in wenigen Exemplaren vervielfältigen lassen?

Króls Ausführungen zur Rezeption von MK in Polen sind in Teilen enttäuschend. Dabei hätte allein schon ein Resümee der Befunde anderer Forscher einiges Mitteilenswertes liefern können. In der Bibliographie fehlen die einschlägigen Studien von Bogusław Drewniak, Krzysztof Kawalec, Grzegorz Krzywiec, Marek Maciejewski, Maciej Marszał, Michał Musielak und Wojciech Wrzesiński. Was soll man davon halten, dass Król diese Publikationen einfach übergeht? Sie zu nennen, wäre schon aus didaktischen Gründen nötig und würde dem Leser weiterhelfen.

Von einem historisch informierten Herausgeber wäre auch zu erwarten, dass aufgezeigt wird, wie MK bei den verschiedenen politischen Strömungen im damaligen Polen aufgenommen wurde, einschließlich der polnischen Rechten. Selbst nach so langer Zeit kann es einen noch schockieren zu lesen, was letztere zu MK zu sagen hatte; das wäre schon aus didaktischen Gründen erwähnenswert. Auch die Rezeption von MK nach 1945 wird ausgesprochen lakonisch abgehandelt. Der Herausgeber hat dazu weder das Archiv des Instituts des Nationalen Gedenkens noch das des Außenministeriums genutzt. Wurden bei den nach 1945 noch in Polen verbliebenen Deutschen bei Hausdurchsuchungen einschlägige Exemplare gefunden? Lieferten diese einen Vorwand für Schikanen und geradewegs Repressionen? Welche Reaktionen gab es auf die polnischen Raubdrucke von MK in den 1990er Jahren?

Wegen dieser Lücken und Auslassungen ist der wissenschaftliche Wert dieser Edition mit einigen Vorbehalten zu versehen.

Reine Makulatur?

Diese polnische Ausgabe weist also Schwächen auf, die sie nicht haben sollte. MK ist nicht einfach eine historische Quelle wie jede andere, das Buch eignet sich nicht gerade als Bettlektüre, wie der Herausgeber zu suggerieren scheint, wenn er die Anmerkungen vom unteren Seitenrand verbannt. An wen richtet sich diese Edition? Wie ist es zu erklären, dass das Buch so schnell ausverkauft war? Übt diese bis unlängst verbotene Lektüre auf den Leser eine besondere Anziehung aus?

Die Edition wendet sich eher nicht an den Spezialisten für deutsche Geschichte. Denn diese Historiker beherrschen die deutsche Sprache und können im Bedarfsfall selbst Ausschnitte aus MK übersetzen. Dazu können sie jetzt komfortabel die Münchner Ausgabe heranziehen. Ähnlich verhält es sich mit Zusatzinformationen über die Geschichte von MK. Solche Publikationen sind allgemein zugänglich.

Die Schwachstelle der Münchner Ausgabe, nämlich die Vernachlässigung der Rezeption von MK in Polen, wird durch die polnische Ausgabe nicht in gehöriger Weise kompensiert. Dazu sind die Fehlstellen in der selbständigen Recherche einfach zu offenkundig. Ist das nur die Folge davon, dass eine einzelne Person die Herausgabe übernommen hat? Mit der Münchner Ausgabe war schließlich ein ganzes Historikerteam befasst, dass Hitlers Themen, Stil und Quellen bis ins kleinste Detail nachgegangen ist. Vielleicht hätte eine Peer Review der polnischen Ausgabe vor deren Drucklegung eine Chance für Berichtigungen und Ergänzungen geboten. Wir wissen nicht, ob eine solche Begutachtung überhaupt stattgefunden hat. Das Buch nennt keine Namen von Gutachtern, was bei einem Werk diesen Charakters einigermaßen erstaunlich ist [in Polen ist die Begutachtung eines wissenschaftlichen Werkes vor Drucklegung durch zwei im Index genannte Fachgutachter Standard; A.d.Ü.].

Bleibt noch eine wichtige Frage. Vielleicht hätte ich damit anfangen sollen. Sie lautet ganz einfach: Wozu soll man dieses Buch in Polen herausbringen? Kann etwa eine solche Edition durch Aufklärung und sachliche Diskussion den demokratiefeindlichen, chauvinistischen, xenophoben und ausschließenden Strömungen etwas entgegensetzen, die sich auch in unserem Lande bemerkbar machen? Ist sie geeignet, kritischen Geschichtsunterricht zu unterstützen?

Wenn dies nur so wäre. Denn solche Fragen haben schon ihren Sinn, wenn das ganze Land ein Foto zu Gesicht bekommt, auf dem ein junger Pole in der Öffentlichkeit die Hand zum Faschistengruß hebt.

 

Aus dem Polnischen von Andreas Hofmann

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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