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Alles, was im Menschen ist

Endlich, nach drei Tagen im Lastenbus, auf Klappstühlen, befindest du dich mit deiner Familie an einem sichereren Ort in der Westukraine, in der Stadt, in der du geboren bist. Aber der größere Teil deiner selbst bleibt in dem Luftschutzraum mit der schwangeren Frau und ihrem siebenjährigen Sohn: Sie haben dir gesagt, Maria ist in großer Verzweiflung und stößt schon Drohungen aus, sie werde an sich selbst den Kaiserschnitt vornehmen.

Ich denke nach, wie diesen Text über den Krieg beginnen, aus welcher Sicht ihn angehen. Wie eine Geschichte aufbauen, woher ihre Logik nehmen, wenn doch alles, was in Ordnung war, sich unumkehrbar verändert hat. Logik existiert nicht mehr, ihr wurde das Rückgrat gebrochen.

Furchtbar langsam stellt sich die Erkenntnis ein, dass das gewohnte Leben für immer verloren ist: Sogar wenn du im verschimmelten Keller des neunstöckigen Gebäudes in Kiew sitzt, in dem du die letzten sechs Jahre gewohnt hast, und auf das Dröhnen von Panzern und Mannschaftstransportern horchst, während die Betonwände von den Explosionen der Raketen erzittern, versucht ein Teil von dir, dich davon zu überzeugen, dass all das ein Missverständnis ist, träumst du, dass es nicht real ist. Dass du einfach jeden Augenblick nach oben in deine Wohnung gehen, den Pyjama anziehen und dich in das warme Bett legen kannst. Oder dich mit deiner Freundin verabreden und dich mit ihr auf einen Kaffee im Kiewer Stadtteil Podil treffen kannst. Oder deine blauen Trainingsschuhe anziehen und deine zwölf Kilometer auf der Obolonskaja-Uferstraße laufen kannst. Oder deine Tochter zu einem gemütlichen Atelier im Dachgeschoss eines Hauses mitnehmen, das in einem malerischen Hof auf der Chmelnizkyj-Straße versteckt ist. Sie hat gerade angefangen, menschliche Figuren malen zu lernen. Du schöpfst ersten Verdacht, wenn du siehst, wie am ersten und zweiten Tag nach Beginn des Raketenbeschusses die Autos eins nach dem andern aus dem ständig zugeparkten Hof ​​verschwinden. Wenn du mitbekommst, wie ganze Familien ihre Siebensachen zu den Kofferräumen schleppen. Wenn du aus dem Küchenfenster schaust und deinen Ehemann siehst, wie er versucht, euer Auto zu reparieren. Und unterdessen dringen von außerhalb des Schlafzimmerfensters fremde, ungewohnte, widerwärtige Geräusche: das Dröhnen von gepanzerten Mannschaftstransportern und heftigen Einschlägen.

Deine Freundin schluchzt am Telefon, denn ihr, die an einem vergleichsweise sicheren Ort ist, ist viel besser und schneller klar, dass gegen uns ein wirklicher Krieg geführt wird, dass sie uns vernichten wollen. Du beruhigst sie und teilst deiner Tochter im selben Atemzug mit, dass sie nicht zur Schule gehen kann.

Diese Versuche, sich die immer weiter auseinanderdriftenden Realitäten klarzumachen, sie miteinander in Einklang zu bringen, verursachen schreckliche Schmerzen. Du versuchst, dich an dein gewohntes Leben zu klammern wie an eine Eisscholle, aber sie schmilzt dahin, sie wird von der Strömung fortgerissen – und du verlierst das Gleichgewicht.

Am Tag vor dem Krieg hast du die Wohnung aufgeräumt, jetzt ist sie sauber und gemütlich, aber ihr müsst die meiste Zeit im Luftschutzkeller verbringen. Wenn es kaum mehr auszuhalten ist, dort auf unbequemen Stühlen zu sitzen, geht ihr über die Treppe nach oben; denn während des Beschusses mit dem Aufzug zu fahren, ist furchtbar gefährlich, das weiß jeder: ihr könntet steckenbleiben; und ihr esst den Borschtsch, den ihr noch vor dem Krieg gekocht habt.

Aber der Körper weigert sich zu essen, der Körper weigert sich zu schlafen. Er wartet angespannt auf die Explosionen und das Zittern des Bodens und der Wände; denn du hast gemerkt, dass das im Wachzustand leichter auszuhalten ist als im Schlaf. Wenn du schläfst, bist du besonders wehrlos, die Angst dringt viel tiefer und lähmt mehr, zehrt dich gründlicher aus. Gebe daher besser Acht.

Wie den Zustand beschreiben, in den du hineingerätst, diese innere und äußere Erstarrung, diese Lähmung der Bewegungen, diese innere Lethargie? Die Unfähigkeit, einfachste Entscheidungen zu treffen, die Unmöglichkeit, einen Fuß vor den anderen zu setzen? Das Versiegen der Kraft, den Mangel an Energie, die Fahrigkeit, den schwindenden Blick für das Ganze? Die ständige feuchte Kälte in Sonnengeflecht, den Knoten im Hals, die Schlaffheit in Armen und Beinen?

Als ob die starken Wände deines Hauses plötzlich dünn und durchsichtig geworden wären, sich ganz auflösten und dich allen Winden aussetzten. Als ob deine Haut ganz dünn würde und sich auflöste, die inneren Organe verdreht und in Stücke zerrissen. Nur ein Augenblick solcher Empfindlichkeit und Schutzlosigkeit ist eine zweifelhafte Empfindung. Und du verbringst in diesem Zustand endlose Stunden, Tage und Nächte. Und das Ende kommt vielleicht nie.

Wenn du das erste Mal in den Luftschutzraum in die Metro hinuntergehst, wunderst du dich über das Gedränge und die vielen Dutzend Menschen, die auf dem Bahnsteig sitzen und liegen. Plötzlich haben alle das Coronavirus vergessen. Du wunderst dich vielleicht noch über eine Gesichtsmaske, die eine nostalgische Erinnerung an etwas weckt, was zum Leben in Friedenszeiten gehörte.

In dem anderen Luftschutzraum, in dem erwähnten engen und stickigen Keller, musst du lange Nachtstunden in Gesellschaft mehrerer Familien mit Kindern unterschiedlichen Alters verbringen, darunter Säuglingen, mit mehreren Hunden unterschiedlicher Rasse, in Gesellschaft einer an Diabetes leidenden Frau, die ihr Insulin vergessen hat, und einiger Hysterikerinnen, die ständig die schlimmsten Fakenews mitteilen und sich nicht auf die genaue Zahl von Putins Doppelgängern festlegen können, der schwangeren Frau und ihres siebenjährigen Sohnes, die alle Covidsymptome haben, einer Frau in Perücke, einer psychisch kranken Frau und einer Frau, die plötzlich vorschlägt, etwas laut vorzulesen. „Und was ist das für ein Buch?“ fragt jemand. Sie nennt den Namen eines russischen Autors. Alle verfallen in Schweigen. Die Stille hält lange an, niemand fragt mehr nach dem Vorlesen.

Du hast den Verdacht, alles hat sich für immer verändert, als du, auf dem Spaziergang mit dem Hund an der Leine, auf einem Schulhof einige Dutzend Leute bemerkst. Sie sind konzentriert und mit etwas beschäftigt, in der Sonne blinken lange Reihen von Glasflaschen. Erst kommt es dir so vor, als seien sie bei einem Picknick, aber schließlich begreifst du, dass sie Molotowcocktails anfertigen. Auch als du schließlich gegen deinen Willen zu weinen beginnst oder, genauer gesagt, dich die Tränen übermannen und Schauer durch deinen Körper laufen, weil der Körper von der Unvermeidlichkeit des Todes weiß, von seiner Plötzlichkeit und Allgegenwart.

Endlich, nach drei Tagen im Lastenbus, auf Klappstühlen, befindest du dich mit deiner Familie an einem sichereren Ort in der Westukraine, in der Stadt, in der du geboren bist. Aber der größere Teil deiner selbst bleibt in dem Luftschutzraum mit der schwangeren Frau und ihrem siebenjährigen Sohn: Sie haben dir gesagt, Maria ist in großer Verzweiflung und stößt schon Drohungen aus, sie werde an sich selbst den Kaiserschnitt vornehmen. Mit Oksana, die dich am Telefon anschreit und das Gespräch unterbricht, weil ihr Mann schon den zweiten Tag nicht aus dem Erdboden gleichgemachten Butscha anruft. Mit Oma Soja, die 92 Jahre alt ist und sich an den Zweiten Weltkrieg erinnern kann. Sie ist in Karelien geboren, aber die meiste Zeit hat sie im Tschernihiw im vierten Stock gewohnt. Tschernihiw steht schon mehrere Wochen unter Beschuss.

Hier, in dem vergleichsweise ruhigen westukrainischen Städtchen, wo allenfalls alle paar Tage einmal der Flugplatz mit Raketen beschossen wird, erkennst du auf den ersten Blick die Leute von dort: der tote Blick, die verlangsamten Bewegungen, die abgerissenen Worte, die in der Luft hängen bleiben und keine Sätze bilden, dann wieder eins nach dem andern kommen, stocken und wieder und wieder erklingen. „Woher sind Sie?“ frage ich eine Frau, die ihren verzweifelten Blick an mich heftet. „Aus Worsel“, antwortet sie, und mit einem Mal ist alles klar. Worsel, die bezaubernde Sommerfrische außerhalb von Kiew, besteht nicht mehr.

„Aber ich war noch am 23. dort,“ sagt sie plötzlich. „Ich war zum Skifahren hin.“

Und dann sagt sie weiter: „Meine ganze Familie ist in Worsel geblieben. Sie waren dort fünfzehn Tage. Ich konnte sie telefonisch nicht erreichen. Aber ich war jeden Tag, jeden Tag bei ihnen.“ Diese Frau konnte selbst dem Terror in Worsel entkommen, aber Verstand und Herz sind von dem Schrecken ergriffen, weil sie aus der Ferne alles durchmachte, was mit ihrer Familie passierte. Sie schafften es, zu überleben, schafften es aus Worsel heraus an einen sicheren Ort: „Sonst hätte ich nicht sofort mit Ihnen gesprochen,“ sagte sie.

Wie ich ihr zuhörte, dachte ich an die ukrainischen Dörfer und Städte, die es nicht mehr gibt. An die vielen tausend ermordeten Menschen, ihre vielen tausend schrecklichen Tode. Alles hat sich für immer geändert. Das Leben wird nie wieder so sein wie früher. Und es ist nicht zu sagen, wie es sein wird.

Alles, was im Menschen ist, ist die Fähigkeit, mit jemand anderem dessen Erfahrungen zu erleben, ist der Mut, jemandes Schmerz auf sich zu nehmen und ihm die eigene Ruhe mitzuteilen. Diese Fähigkeit ist stärker als alle physischen Grenzen.

 

Aus dem Ukrainischen von Andreas R. Hofmann


Dieser Beitrag ist im Rahmen eines gemeinsamen Projektes zwischen der polnischen Zeitschrift ZNAK und dem DIALOG FORUM entstanden. Das Projekt wurde durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert. Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit

 

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Sofija Andruchowytsch

Sofija Jurijiwna Andruchowytsch ist eine ukrainische Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin. Seit 2002 hat Andruchowytsch mehrere Prosabände veröffentlicht, 2014 erschien ihr Roman Felix Austria.

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