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Unser Hochzeitstag

Um fünf Uhr früh schoss Russland ballistische und Lenkraketen auf Kiew, Charkiw, Odessa, Dnipro. Ich blickte in die ständig erschreckten Augen meiner Frau und wusste, was kommen würde: zwei gepackte Taschen, Evakuierung, Obdachlosigkeit und die brennende Scham, dass deine Muttersprache Russisch ist.

Die Sache ist die, dass meine Frau und ich am 24. Februar Hochzeitstag haben. Am Vortag fuhren wir eigens in die Stadt von unserer Landkooperative aus, in der wir in den letzten Jahren gewohnt haben. Wir kauften guten Weißwein, Käse, Kuchen und andere Leckereien. Aus unserem Winkel mitten im Wald versuchten wir, mit Rücksicht auf Covid in den letzten anderthalb Jahren nur im äußersten Fall einmal in die Hauptstadt zu fahren. Deshalb sahen wir einen Ausflug zu den städtischen Restaurants als unvernünftige Geldverschwendung, noch dazu verbunden mit dem Risiko, sich das Virus einzufangen.

Wir beschlossen, am 24. zuhause zu bleiben und im zweiten Stock des Hauses, in dem wir wohnen, für uns einen kleinen Tisch zu decken. Zumal die letzten Februarwochen fast frühlingshaft warm waren und in unserem Wald schon wirklich beinahe der Frühling ausgebrochen war, die Vögel sangen, die Kiefern in der Sonne wie gelbglühender Bernstein aussahen und aus den Fenstern des zweiten Stocks sich jeden Abend der Blick in den Sonnenuntergang bot – was sollten wir da noch Schöneres suchen?

Ich muss dazu sagen, das hier ist nicht unser Haus. Unser Haus ist in Donezk geblieben. Damals, im Juli 2014, ließen wir alles zurück und machten uns nach Kiew auf, eine Woche, nachdem russische Paramilitärs in die Stadt einmarschiert waren. Wir kamen damals nach Kiew mit zwei Taschen voll Sommersachen und einem heftigen Schmerz im Herzen, ohne überhaupt zu wissen, wie wir weiterleben sollten. Wir, bereits nicht mehr ganz junge Leute aus Donezk, ließen unser gesamtes früheres Leben dort in der Heimatstadt. Wohnung, Arbeit, Freunde. Und ich auch noch meine Eltern, die nicht fortkonnten, weil sie sich um die ganz Alten kümmerten.

Ich erinnere mich, wie schwer es war, sich am neuen Ort zurechtzufinden. Erstens waren wir damals schon nicht mehr besonders jung, meine Frau und ich waren fünfzig, und zweitens hatten wir keine ausreichenden Ersparnisse. Aber der Hauptgrund lag vielleicht darin, dass wir ziemlich lang den schweren Schock nicht überwinden konnten, dass unsere Heimatstadt plötzlich besetzt war. Wirklich besetzt in einem echten Krieg, den viele russische und prorussische europäische Medien sehr lang und beharrlich als „innere Angelegenheit der Ukraine“ abtaten. Übrigens neigten viele wohlmeinende Menschen nicht nur im Westen dazu, alles, was sich in der Ostukraine tat, als unser innenpolitisches Problem zu sehen, etwa hinsichtlich der völlig fiktiven „Sprachenfrage“. Die Russland-Sympathisanten übersahen völlig, dass dieser Abschaum, der kam, um meine Frau und mich von unserem friedlichen Leben zu „befreien“, aussahen und sich verhielten wie Plünderer, Mörder und Verbrecher. Ihnen sprang nicht ins Auge, dass zehntausende russischsprachiger Bürger der Ukraine wie ich und meine Familie keinen Augenblick zögerten und Obdachlosigkeit und ein Vagabundenschicksal wählten, um in ihrem Land zu bleiben, aber nicht mit den sogenannten „Befreiern“ an einem Ort zu sein.

Für uns, die früheren Einwohner des Donbass, bestand keinerlei Zweifel daran, was geschah. 2014, im Monat des sogenannten „russischen Frühlings“, begann der erste Akt der Tragödie. Das war der Anfang des Kriegs, den Russland gegen die Ukraine führt. Der Anfang eines Krieges keineswegs um Territorium, sondern eines Vernichtungskriegs. Eines Krieges, durch nichts anderes verursacht als Hass auf die ukrainische Nation an sich, die ihr Land als europäisches Land aufbauen will, in enger Verbundenheit mit den kulturellen und zivilisatorischen Grundlagen Europas. Wir fühlten uns als freie Menschen in einem eigenen, freien Land, fähig, selbständig unseren Weg zu wählen, ohne auf irgendwelche revanchistischen und imperialen Ambitionen Russlands Rücksicht zu nehmen. Und dadurch war natürlich alles, was mit der Besetzung des Donbass und der Krim begann, eindeutig bestimmt. Und was völlig unvermeidlich zu dem großen europäischen Krieg führen musste, dem Befreiungskrieg der ukrainischen Nation, der jetzt geführt wird. Übrigens schrieb ich von dieser Unvermeidlichkeit in meinem Roman „Lange Zeiten“, der unlängst in polnischer Übersetzung im KEW-Verlag erschienen ist.

Glauben Sie mir, wir wussten all die Jahre, dass es so kommen würde. Die ganzen acht Jahre sagte mir meine Frau, es werde so kommen, und selbst wenn ich ihr widersprach, tat ich das nur, um mich ein wenig zu beruhigen. Aber auch ich wusste, dass es so kommen würde.

Wie genau? Nämlich so. Wir, die erfahrenen Flüchtlinge, durch Gottes Gnade im Haus unserer Freunde, weil eine Wohnung in Kiew für uns zu teuer ist, werden sehr guten Weißwein und alten Hartkäse kaufen. Das ist zwar auch nicht billig, aber zum Hochzeitstag können wir uns das schon mal leisten. Wir werden uns anlächeln und uns daran erinnern, wie es einmal war, als wir uns kennenlernten, wie wir die ersten Schritte taten und die ersten Worte der Liebe sagten, wie wir uns entgegenkamen, um gemeinsam im Leben voranzukommen. Ich werde langsam den Wein einschenken und zärtlich meiner Frau die Hand küssen, und ich werde das bekennen, was ich vor so vielen Jahren bekannte. Wir haben alles sorgfältig geplant. Das Lächeln wie die Geschenke. Wir halten uns an diese lächerlichen Familienfeste, um nicht die Unvermeidlichkeit des Schicksals einsehen zu müssen.

Und so kam der 24. Februar, unser Hochzeitstag. Um fünf Uhr früh schoss Russland ballistische und Lenkraketen auf Kiew, Charkiw, Odessa, Dnipro. Ich blickte in die ständig erschreckten Augen meiner Frau und wusste, was kommen würde: zwei gepackte Taschen, Evakuierung, Obdachlosigkeit und die brennende Scham, dass deine Muttersprache Russisch ist.

Und so geschah es auch: Die Taschen, die Scham, die Evakuierung, die nur dank des unglaublichen Muts unserer freiwilligen Retter möglich war. Aber erst nach einem ganzen Monat Hin‑ und Herüberlegens, Erinnerungen, Geschichten, die meine Frau und ich uns unablässig erzählten in einem Haus ohne Licht, ohne Strom, ohne Internet, unter dem Beschuss der russischen Artillerie, im Haus unserer lieben Freunde, das schwankte und jeden Augenblick vor Alter und durch eine Druckwelle zusammenstürzen konnte. Und das sich nur durch Glauben und Liebe aufrechthielt, nur durch die Hoffnung, dass uns die Ukraine nicht verlässt.

 

Aus dem Ukrainischen von Andreas R. Hofmann


Dieser Beitrag ist im Rahmen eines gemeinsamen Projektes zwischen der polnischen Zeitschrift ZNAK und dem DIALOG FORUM entstanden. Das Projekt wurde durch die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit gefördert. Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit

 

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Wolodymyr Rafejenko

Wolodymyr Rafejenko, ukrainischer Schriftsteller, Literaturkritiker und Filmkritiker.

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