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Vielleicht ist jetzt die richtige Zeit, die Ukraine zu besuchen

Während sich die Lage in der West‑ und Zentralukraine vorerst stabilisiert hat, kann demjenigen, der sich für internationale Beziehungen interessiert, eine Fahrt nach Kiew gegenwärtig einen einzigartigen Einblick geben, wie Geschichte gemacht wird.

Zurück von einem zweiwöchigen Besuch in Kiew, möchte ich hier meine Erfahrungen in einem Land mitteilen, das von dem schlimmsten Krieg heimgesucht wird, der seit 1945 in Europa geführt wird. Wer sich für Geschichte und Politik interessiert, dem kann ich nur empfehlen, jetzt die westlichen und zentralen Regionen der Ukraine zu besuchen. Doch soll nicht verschwiegen werden, dass eine solche Fahrt zu privaten oder Recherchezwecken auch ihre Risiken mit sich bringt.

Zuerst einmal bleiben die russischen Aktionen völlig unberechenbar. Ukrainische Gebiete, die gegenwärtig noch recht friedlich erscheinen, können sich morgen bereits unter massivem Beschuss befinden. Ein Ukrainebesuch birgt daher das Risiko, schwer verwundet oder getötet zu werden, wie es bereits einigen ausländischen Zivilisten passiert ist. Noch schlimmer, Russland könnte sich unversehens dazu entscheiden, radioaktives Material oder giftige Substanzen einzusetzen, so wie es dies in Großbritannien getan hat, um vorgebliche Feinde Putins in der Ukraine zu ermorden.

Doch als ich Ende Juli – Anfang August diesen Jahres in Kiew war, hatte ich das Gefühl, die Wahrscheinlichkeit, dass mich ein Scooter, Fahrrad oder Auto anfahren könnte, sei sehr viel größer, als von einem Granatsplitter getroffen oder unter einem zusammenstürzenden Haus begraben zu werden. Das Kiew im Krieg des Sommers 2022 war tatsächlich der ukrainischen Hauptstadt zu Friedenszeiten erstaunlich ähnlich, wie ich sie zuvor in meinen siebzehn Jahren dort kennengelernt hatte. Zwar sind Stimmung und Rhythmus der Stadt anders als noch vor einem halben Jahr. Auf den Straßen ist mehr Armut sichtbar, es gibt ein Ausgangsverbot zwischen 23 und 5 Uhr, gelegentlich heulen die Sirenen. Doch sind Explosionen und gewaltsame Todesfälle in Kiew und der Westukraine seltene Ausnahmen. Die Stadt wird von einem guten Luftabwehrsystem geschützt, das die meisten russischen Lenkraketen unschädlich macht, die sie zu erreichen versuchen. In Kiew wie überall im Lande ist die Spannung zu spüren, doch vom Krieg ist in der Stadt kaum etwas zu merken. Die Kiewer versuchen, zur Normalität zurückzukehren und sogar einige Alltagsfreuden zu genießen.

Der öffentliche Personennahverkehr ist lückenhafter als früher. Trotzdem arbeitet die Untergrundbahn tagsüber mit reduziertem Fahrplan, der nur während der Luftalarme ausgesetzt wird. Auch Taxis bieten ihre Dienste wieder in vollem Umfang an. Die Preise in der Landeswährung Hrywna sind seit Kriegsbeginn stark angestiegen. Banken, Geldautomaten, private Krankenhäuser, Apotheken und die meisten Ladengeschäfte befinden sich weitgehend im Normalbetrieb. Die Straßen im Stadtzentrum wimmeln von Menschen und Autos. Blumen, Getränke und Eiskrem werden längs der beliebten Korsos verkauft.

Die meisten Hotels und etliche Gaststätten funktionieren wie normal. Bezahlbare Räume und Wohnungen in der ganzen Stadt werden per Internet angeboten. Auch Restaurants sind wieder geöffnet. Vielen bieten gute Speisen zu geringen Preisen an, eine gute Auswahl an Weinen, alkoholischen Getränken und Cocktails, ukrainisches und Importbier. Besonders zu erwähnen sind die Dutzenden georgischen Restaurants, die in den letzten Jahren überall in Kiew eröffnet wurden und weiterhin ihre köstliche Kaukasusküche zu niedrigen Preisen servieren. Einige Strände längs des mächtigen Dnepr sind kostenlos zum Schwimmen zugänglich. Angeln ist beliebt wie eh und je.

War Benzin in den ersten Kriegsmonaten Mangelware, scheint die Versorgung nunmehr gesichert zu sein. Nachdem es im März und April Engpässe gegeben hatte, verfügen die Supermärkte jetzt wieder über ein volles Warenangebot, mit dem die Bedürfnisse des täglichen Bedarfs so gut wie abgedeckt sind. Polizei und Militär sind auf den Straßen allgegenwärtig. Einige Straßen im Regierungsviertel sowie die zwei zentralen Metrostationen in der Stadtmitte sind abgeriegelt. An Checkpoints muss der Passant gelegentlich den Pass vorzeigen. Doch ist die Atmosphäre freundlich und halbwegs entspannt. Kiew ist keine Stadt der nächtelangen Partys mehr, wie bis 2014, als der russische Krieg gegen die Ukraine begann. Und doch ist es eine europäische Hauptstadt, deren Besuch und Erkundung gerade jetzt besonders lohnen.

Wer sich für Geopolitik, Geschichte, Osteuropa, Verteidigungsfragen und internationale Beziehungen interessiert, für den ist die Ukraine zu einem einzigartigen Reiseziel geworden. Hier ist zu beobachten, wie europäische Geschichte gemacht wird und wie sich eine der folgenreichsten Konfrontationen im Europa der Zeit nach 1945 abspielt. Und gleichzeitig sind in Städten wie Lemberg und Kiew immer noch die meisten Vorzüge des urbanen Lebens zu genießen. Im Stadtzentrum von Kiew gibt es unter freiem Himmel mehrere Ausstellungen zum Krieg. Dazu gehört eine Ansammlung von zerstörten russischen Kriegsmaschinen, darunter ein Panzer, eine Panzerhaubitze und gepanzerte Mannschaftstransportwagen, zu sehen vor dem Außenministerium auf dem Mychajlowskyj-Platz.

Die Ukraine zu besuchen, ist kein reines Vergnügen mehr, wie für so viele Touristen noch bis vor einem halben Jahr. Doch wer an Ort und Stelle erleben möchte, wie sich etwas Wichtiges in Europa ereignet, für den ist Kiew der richtige Ort. Es ist ziemlich umständlich, in die ukrainische Hauptstadt zu kommen, weil der Luftverkehr in der gesamten Ukraine stillgelegt ist. Doch ist Kiew von Warschau und Prag aus immer noch mit einigen Zug‑ und Busverbindungen zu erreichen. Möglicherweise ist dazu ein Umstieg in einer anderen Stadt in Kauf zu nehmen, bevor man den Zug oder Bus nehmen kann, der einen nach Kiew bringt.

Ein solcher Besuch wird eine andere Bedeutung haben als alle früheren oder zukünftigen Reisen. Wer heute nach Kiew fährt, zeigt der Welt, wofür er steht. Der Reisende bringt Hoffnung, Unterstützung und Geld in die Ukraine. Seine bloße Anwesenheit ist ein Signal an alle Osteuropäer, dass die ukrainische Sache nicht verloren ist. Zwar mag der Reisende von Ukrainern, Belarusen und Polen noch nicht gerade als Held wahrgenommen werden, doch werden sie ihm dafür danken, eine klare Position zu beziehen und dafür ein Risiko einzugehen. Und nicht zuletzt werden Putin und seine Helfershelfer davon nicht gerade erbaut sein.

 

Aus dem Englischen von Andreas R. Hofmann

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Andreas Umland

Dr. Andreas Umland studierte Politikwissenschaften und Geschichte in Berlin, Oxford, Stanford und Cambridge. Er ist seit 2010 Dozent an der Abteilung für Geschichtswissenschaften der Mohyla-Akademie Kiew (NaUKMA) und seit 2021 Mitarbeiter des Stockholm Centre for Eastern European Studies (SCEEUS) des Schwedischen Instituts für Internationale Beziehungen (UI).

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