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Wird Deutschland seine Ostpolitik neu bewerten?

Als die bekannte Rundfunkjournalistin Sabine Adler im August 2022 ihr Buch „Die Ukraine und wir. Deutschlands Versagen und die Lehren für die Zukunft“ (Berlin: Ch. Links) veröffentlichte, sorgte dies für einiges Aufsehen. Klar war, warum diesem Buch Beachtung geschenkt wurde: Die Eskalation des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine seit Februar 2022 hatte Deutschlands bisherige außen- und wirtschaftspolitische Strategie gegenüber Osteuropa in Frage gestellt. Drei Jahrzehnte lang waren die Interessen und Besorgnisse der Ukraine, des zweitgrößten Flächenstaats in Europa, von Berlin teils ignoriert worden, während die russischen politischen, intellektuellen und wirtschaftlichen Eliten ausgiebig umworben wurden.

Sabine Adler verfolgt die historischen, ökonomischen und kulturellen Faktoren zurück, welche zum Scheitern der deutschen Politik gegenüber den Ländern der vormaligen sowjetischen Macht‑ und Einflusszone 1991 bis 2021 führte. In ihrer Analyse beschränkt sie sich nicht nur auf die unmittelbaren Ursachen und den Beginn des großen Krieges 2022, sondern auch auf die Rolle Deutschlands für die Ukraine in den Jahren vor der Großinvasion Russlands. Die erfahrene und anerkannte deutsche Osteuropaexpertin umreißt, wie deutsche politische Versäumnisse, Lobbyismus, Doppelmoral und eine verlogene Form von Pazifismus indirekt zu Moskaus Angriff auf die Ukraine beigetragen haben.

Adlers kritische Zusammenschau der Berliner Ukrainepolitik war vor einem Jahr und ist auch heute noch ein Meilenstein der deutschen politischen Publizistik. Hier einige erste Reaktionen auf das Buch, wie sie 2022/23 in einflussreichen deutschen Medien auftauchten: „Dramatisch aufschlussreiches Buch“ (Christian Thomas, Frankfurter Rundschau, 14.1.2023); „Ein maßgeblicher Beitrag zur Aufklärung“ (Natascha Freundel, RBB Kulturradio, 10.1.2023); „Adler urteilt klug und messerscharf“ (Viola Schenz, Süddeutsche Zeitung, 4.10.2022); „Sabine Adler urteilt unerschütterlich und frei von Zweifeln“ (Peter Köpf, Karenina, 26.9.2022); „Adler schafft es mit ihrem Buch, uns den Spiegel vorzuhalten. Sie zeigt die Denkfehler auf“ (Paul Toetzke, Liberale Moderne, 7.9.2022); „Dieses Buch erklärt Ihnen ganz viel. Sie werden hinterher klüger sein“ (Jörg Thadeusz, WDR 2, 29.8.2022); „Das dürfte derzeit einmalig sein, diese Form von Tiefenschärfe“ (Bernd Schekauski, MDR Kultur, 18.8.2022).

Freilich hatte es vor Adler bereits kritische Einschätzungen von Berlins zu weitreichender Anerkennung sowie falscher Interpretation russischer Gebietsansprüche und der viel zu laxen deutschen Reaktionen auf Moskaus imperialistische Politik gegeben. Frühere richtungsweisende Bücher waren beispielsweise die Monographien:

  • Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München: C. H. Beck, 2005;
  • Thomas Urban, Verstellter Blick. Die deutsche Ostpolitik, Berlin: Tapeta, 2022;
  • Rüdiger von Fritsch, Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen, Berlin: Aufbau, 2022.

Koenens einflussreiches Buch wurde mit einem neuen Vorwort 2022 erneut herausgebracht. Urbans Untersuchung erschien sechs Monate vor Adlers Buch und war unmittelbar vor der russischen Großinvasion in Druck gegangen; es kam im März 2022 in die Buchhandlungen. Rüdiger von Fritsch war 2014-2019 Botschafter der Bundesrepublik in Moskau; sein Buch erschien im Mai 2022. Von Fritsch ist seither ein in den deutschen Medien besonders gefragter Kommentator des russischen Kriegs gegen die Ukraine geworden.

Verschiedene weitere einflussreiche Journalisten und Publizisten verfassten Untersuchungen nach Proklamation der „Zeitenwende“ durch Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022. Zu den tiefgreifendsten Büchern, die nach Adlers Buch erschienen, zählen:

  • Michael Thumann, Revanche. Wie Putin das bedrohlichste Regime der Welt geschaffen hat, München: C. H. Beck, 2023;
  • Reinhard Bingener und Markus Wehner, Die Moskau-Connection. Das Schröder-Netzwerk und Deutschlands Weg in die Abhängigkeit, München: C.H. Beck, 2023;
  • Winfried Schneider-Deters, Russlands Ukrainekrieg und die Bundesrepublik. Deutsche Debatten um Frieden, Faschismus und Kriegsverbrechen, 2022–2023, Stuttgart: ibidem, 2023.

Während also auch andere Bücher vor und nach Adler wichtige Einblicke lieferten, bleibt ihre Untersuchung einer der gedankenschärfsten Beiträge zur anhaltenden deutschen Diskussion um die Neubewertung der Ostpolitik nach Ende des Kalten Kriegs. Die deutsche Haltung zu Osteuropa war und ist eine der für das gesamte Europa prägendsten außenpolitischen Fragen. Das galt in der Vergangenheit, gilt noch immer und vermutlich auch in Zukunft. Deutschlands Verhältnis zu Osteuropa wird mitbestimmen, in welche Richtung sich die EU und NATO in den nächsten Jahren bewegen werden.

Sabine Adler ist (wie ich) aus Ost- und nicht Westdeutschland; sie hat einen großen Teil ihrer Lebenserfahrung innerhalb des damaligen Sowjetblocks gesammelt. Mit diesem Hintergrund als „gelernte DDR-Bürgerin“ bringt sie einen im Vergleich zu Westdeutschen etwas anderen Blick auf Russland, die Ukraine und Deutschlands Rolle in Osteuropa mit. Dazu gehört eine – im Gegensatz zu vielen anderen Ostdeutschen – besonders frühe und starke Skepsis gegenüber Putin sowie ausdrückliche Sympathie für die Ukraine und andere vormalige Sowjetrepubliken. Dies mag, wie es auch für einige weitere ostdeutschen Osteuropaexperten typisch ist, mit ihrer DDR-Sozialisation zusammenhängen. Zu einflussreichen Osteuropakennern mit DDR-Biographie zählen beispielsweise der kürzlich verstorbene Werner Schulz, langjähriger Abgeordneter für die Grünen im Deutschen Bundestag wie im Europaparlament, Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), Jörg Forbrig vom German Marshal Fund (GMFUS) oder André Härtel von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Wie diese Osteuropaexperten gehört Adler seit mittlerweile zwei Jahrzehnten zu jenen Analysten der postsowjetischen Welt, die mit ihren Publikationen, Interviews und Vorträgen die jüngste Wende in der Einstellung der Bundesregierung zu Russland und der Ukraine mitvorbereitet haben.

Zurzeit ist die Neuveröffentlichung von Sabine Adlers Buch für ein breiteres Lesepublikum in Vorbereitung, und zwar in einer neuen englischsprachigen Ausgabe, die beim ibidem-Verlag Stuttgart erscheint und außerhalb Europas von Columbia University Press New York vertrieben wird. Diese Übersetzung wird dem interessierten Publikum außerhalb des deutschsprachigen Raumes Einblick in die Interna der deutschen Ostpolitik gewähren. Nichtdeutsche LeserInnen sollten freilich nicht vergessen, dass Adlers Buch sich ursprünglich nicht an eine ausländisches, sondern deutschsprachiges Publikum richtete, insbesondere an die politischen und intellektuellen Eliten der Bundesrepublik.

In seinem kritischen Rückblick auf die deutsche Russland‑ und Ostmitteleuropa-Politik ist das Buch von Sabine Adler die bei weitem nicht einzige relevante aktuelle deutsche Publikation, die auch fremdsprachige Übersetzungen und eine Leserschaft außerhalb von Deutschland verdient. Doch ist es bislang die einzige Untersuchung, die einen engen Fokus auf das deutsch-ukrainische Verhältnis im weiteren Kontext der Berliner Ostpolitik setzt. Zudem richtet sich das Buch nicht nur an eine politikwissenschaftliche, sondern breitere interessierte Leserschaft.

Die im Druck befindliche englische von Sabine Adlers faszinierendem Buch wird auch für jene nichtdeutsche Leser von Belang sein, die sich für die Entwicklung von Berlins Haltung zu Kyjiw und Moskau interessieren. Es biete eine lebhafte Dokumentation, Interpretation und Kritik der jüngsten deutschen Debatten, Konzeptionen und Ansätze zur Ukraine sowie zur Sicherheit in Osteuropa allgemein und zur von Russland ausgehenden Bedrohung. Wer die Beziehungen zwischen Berlin und Kyjiw in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verstehen will, muss Sabine Adlers Buch lesen.

Aus dem Englischen von Andreas R. Hofmann

Sabine Adler, Die Ukraine und wir. Deutschlands Versagen und die Lehren für die Zukunft, Berlin: Ch. Links, 2022, 248 S., ISBN 978-3-96289-180-0

 

Andreas Umland

Andreas Umland

Dr. Andreas Umland studierte Politik und Geschichte in Berlin, Oxford, Stanford und Cambridge. Seit 2010 ist er Dozent für Politologie an der Kyjiwer Mohyla-Akademie (NaUKMA) und seit 2021 Analyst am Stockholmer Zentrum für Osteuropastudien (SCEEUS) des Schwedischen Instituts für Internationale Beziehungen (UI).

Ein Gedanke zu „Wird Deutschland seine Ostpolitik neu bewerten?“

  1. In meinem Buch „Feinde Fremde Freunde: Polen und die Deutschen“, erschienen im Januar 2023 bei Langen Müller fordere ich die Einrichtung einer Enquete Kommission zur Aufarbeitung der deutschen Ost- und Energiesicherheitspolitik. Ohne eine schonungslose Aufarbeitung der Vergangenheit werden wir das verloren gegangene Vertrauen unserer mittelosteuropäischen Freunde nicht wieder gewinnen.

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