Wozu noch ein zusätzliches Denkmal in Berlin, und dann ausgerechnet ein Polen-Denkmal?

Sollte in Berlin ein weiteres Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges errichtet werden? Eins für die polnischen Staatsbürger, die während des Krieges unter der deutschen Besatzung gelitten und gestorben sind? Ist es vertretbar, nur einer nationalen (oder staatlichen) Gruppe ein separates Denkmal zu widmen? Was ist mit anderen kommemorativen Ideen, die bereits früher entstanden sind? Sollte nicht ein Denkmal für alle Opfer der deutschen Aggression in den Ländern Mittel- und Osteuropas errichtet werden?

 

Keine Lust auf Denkmäler?

Es stimmt: Nach 1945 wurden Denkmäler für die Opfer des Nationalsozialismus aus den besetzten Ländern nur ungern im geteilten Deutschland errichtet. Eine gewisse Ausnahme bildet das 1972 in Berlin Friedrichshain enthüllte Denkmal für den „polnischen Soldaten und deutschen Antifaschisten“. Es ist jedoch nicht mit dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus verbunden, sondern dem Kampf bzw. Widerstand gegen diesen gewidmet. Heute ist dieses Denkmal nur noch ein Zeuge der Geschichte und ein Musterbeispiel der DDR-Geschichtspolitik. Die Neugestaltung würde auch nichts ändern, denn seine symbolische Botschaft ist klar definiert.

 

Mitte November 2017 wurde von einer zivilgesellschaftlichen Initiative der Bau eines Denkmals für die polnischen Opfer der deutschen Okkupation von 1939 bis 1945 im Zentrum Berlins vorgeschlagen. Die Idee als solche schreibt sich in frühere Vorschläge ein, so die von Władysław Bartoszewski, dem KZ-Häftling und Vorkämpfer der deutsch-polnischen Versöhnung. Ein Appell wurde an den neuen Bundestag gerichtet, und eine Diskussion darüber ist im Gange. Die Medien erinnerten daran, dass es bereits eine weitere Initiative zum Gedenken an die Opfer der nationalsozialistischen Besetzung des Ostens gab und dass das Denkmal für die Opfer des Holocaust ein Großteil der polnischen Opfer umfasst. Jeder dieser Vorschläge ist wichtig, aber meiner Meinung nach spiegeln sie den spezifischen Charakter des Problems nicht wider.

 

Vernichtungskrieg

©istock/clu

Der deutsche Angriff auf Polen 1939, das erste Opfer des neuen Weltkrieges, unterschied sich von allen bis dahin geführten Konflikten. Es war vom ersten Tag an ein Vernichtungskrieg. Ziel der Aggressoren war es, die polnischen Eliten zu liquidieren und sich den Rest der Gesellschaft unterzuordnen. Ein Symbol dieser Barbarei ist das Städtchen Wieluń, das damals an der polnisch-deutschen Grenze lag und fast vollständig aus der Luft zerstört wurde. Die darauffolgenden Monate waren von vorsätzlicher Vernichtung geprägt: Exekutionen im Wald von Groß Piasnitz (Piaśnica) in Pommern oder in der Nähe der Warschauer Städte Wawer und Palmiry sowie die Zerstörung polnischen Eigentums. Die umfangreichen Umsiedlungsaktionen, die den ganzen Krieg über andauerten, haben damals begonnen. Millionen polnischer Staatsbürger wurden nicht nur zur Zwangsarbeit geschickt, sondern auch in Konzentrationslager deportiert.

 

Trotz des starken Widerstandes gelang es den Deutschen, zahlreiche Befriedungsoperationen durchzuführen und Morde an Zivilisten zu begehen. Der Aufstand im Ghetto im April-Mai 1943, ein verzweifelter Kampf der polnischen Juden, und der Warschauer Aufstand im August-September 1944 wurden gewaltsam niedergeschlagen. Über 150.000 Zivilisten wurden während des Warschauer Aufstandes ermordet.

 

Die Verbrechen der UdSSR

Verluste aus deutscher Hand waren nicht die einzigen. Zwei Wochen nach der deutschen Invasion schloss sich die UdSSR dem Krieg an, und es begann eine bis Juni 1941 andauernde Politik der Vernichtung und Unterdrückung in Ostpolen. 500.000 Menschen wurden verhaftet und deportiert. Das Dorf Katyn wurde zum Symbol des Verbrechens. Im Frühjahr 1940 wurden dort mehrere tausend Polen erschossen. Sie gehörten zu den insgesamt 22.000 Offizieren und Zivilisten, die von der sowjetischen Führung hingerichtet wurden. Es lohnt sich, an die problematische Rolle der UdSSR während des Krieges zu erinnern, insbesondere an die Jahre der Zusammenarbeit zwischen Hitler und Stalin in den Jahren 1939–1941.

 

Der Vorschlag, ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung im Zentrum Berlins zu errichten, entspricht der voluminösen Bedeutung, die der Zweite Weltkrieg in der polnischen Geschichte einnimmt. Als Folge des deutschen Terrors kamen fast sechs Millionen polnische Staatsbürger ums Leben, darunter etwa drei Millionen Juden. Von Anfang an waren die polnischen Gebiete ein Labor für die Verbrechen gegen Juden und Slawen; diese „Erfahrungen“ kamen dann nach der deutschen Invasion der UdSSR zur Anwendung.

Ruine des Anhalter Bahnhofs, der im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde © istock/santirf

Die Urheber geben den Askanischen Platz vor der Ruine des Anhalter Bahnhofs als Standort des Denkmals an. Erinnern wir uns daran, wie hier Joachim von Ribbentrop und Wjatscheslaw Molotow im Jahre 1940, in der Zeit der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit, zusammenkamen. Das Gedenken an polnische Opfer kann das Wissen über den Verlauf der deutschen Besatzung Polens in der deutschen Gesellschaft erweitern. Dieses beschränkt sich derzeit oft auf die Opfer des Holocaust und lässt polnische Staatsbürger anderer Nationalitäten und Religionen außen vor.

 

Gedenken und Erinnern

Die Errichtung des Denkmals ist für die deutsch-polnischen Beziehungen notwendig, weil der Zweite Weltkrieg, wie man aktuell sieht, weiterhin eine wichtige Rolle im deutsch-polnischen Verhältnis spielt. Das Objekt sollte zwei Intentionen zum Ausdruck bringen: Gedenken und Erinnern. Darüber hinaus sollte ein weiterer Aspekt im öffentlichen Raum präsent sein. Nach 1945, inmitten tiefer Spaltungen und Feindschaft, gab es in Polen und Deutschland Menschen, die trotz allem versuchten, einen Dialog zu führen und die Versöhnung zu erreichen.

Bis heute gibt es in Deutschland keine Orte, die solchen Menschen gewidmet sind. Es geht aber nicht nur um die Erinnerung an die Verbrechen und Opfer, sondern auch um die Erinnerung an Zeichen, die Hoffnung geben und den Glauben stärken, dass die friedliche und freundschaftliche Existenz der Nachbarstaaten möglich ist. Trotz der Last der Geschichte sind wir nicht zum Konflikt verurteilt.

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Krzysztof Ruchniewicz

Historiker, Professor an der Universität Wrocław und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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