Nur die Ruhe, es ist bloß eine Pandemie

Klar ist: Jemandem die Hand zu reichen stellt für Menschen ein größeres Virus-Übertragungsrisiko dar als sich vor ihm zu verbeugen. Der eher jugendliche Faustcheck ist ebenfalls besser als der traditionelle, “männliche” Händedruck. Die Art der Begrüßung ist der auffälligste Bereich von Kultur, der sich wandeln kann, sollte das Virus doch etwas länger unter uns weilen. Leider kann man ein schlimmeres Szenario mit dem Virus heute nicht mehr ausschließen.

 

Epidemiewellen sind in der Weltgeschichte nichts Außergewöhnliches. Auch wenn das Coronavirus von Wuhan von der Phase der Schlagzeilen-Epidemie in der Presse, rekordverdächtigen Klicks auf Internetseiten sowie ebensolchen Zahlen an Zuschauern bei Fernsehnachrichten zu einer wirklichen Herausforderung für die gesamte Welt übergegangen ist, so hat es trotzdem keine Chance, das Ausmaß des Schwarzen Todes oder selbst der Spanischen Grippe zu erreichen, von der die Welt vor hundert Jahren, unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg geplagt worden ist.

 

Unter Berücksichtigung glaubwürdiger Prognosen scheint es jedoch klar zu sein, dass die tatsächliche Epidemie-Bedrohung – ohne das Leid von Patienten und ihren Familien kleinreden zu wollen – ein Witz ist, schaut man sich die vom Klimawandel ausgehende Bedrohung für die gesamte heutige Zivilisation und die Gesellschaften aller Länder und Kontinente an.

 

 

Gestern Flucht, heute Ausflug

Alle diejenigen, die entweder dunkle Wolken aufziehen sehen oder im Gegenteil dazu neigen, die Gefahr zu ignorieren, mögen an eine historische Analogie erinnert werden. Epidemien verliefen in alten Zeiten folgendermaßen: Es entstand ein Ansteckungsherd, zunächst tauchten nur ein paar Fälle auf. Natürlich gab es auch damals Menschen, die infolge von Gerüchten in Panik gerieten. Die Mehrheit versuchte jedoch die Gefahr zu ignorieren. Aber auch damals, trotz fehlenden Zugangs zu Informationen, kam eine Massenhysterie nicht selten vor. Nichtsdestotrotz kam es meist erst dann, als eine Epidemie voll im Gange war, zu einem sekundären Phänomen: einer Massenflucht. Wie wir wissen, trug sie lediglich zur weiteren Verbreitung der Krankheitserreger bei. Im 19. Jahrhundert, als der aufklärerische Gedanke um das Wissen über Ansteckungswege erweitert wurde, setzte man häufiger auf Isolation und Quarantäne.  Diese Art von Politik hatte leider eine ernsthafte Nebenwirkung zur Folge: der Kontakt mit Gesundheitsämtern wurde gemieden, es wurde nach möglichen Fluchtwegen gesucht und das Auftreten einer Infektionskrankheit wurde nicht gemeldet. Es sind fast zwei Jahrhunderte vergangen, und unsere Vorgehensweise hat sich kaum verändert.

 

Das Anhalten eines Kreuzfahrtschiffes, wie die Experten schätzen, ließ die Zahl der Opfer nur steigen, aber daraus wurde keine Lehre gezogen, und nun werden weitere Passagierschiffe “verhaftet”. Das Anhalten eines Zuges in Warschau dauerte zum Glück kurz genug, als dass jemand hätte zu Schaden kommen können,  aber der Beamte, der eine solche Entscheidung genehmigt hat, sollte jetzt nicht unbedingt ruhig schlafen – wahrscheinlich bereitet er gerade einen ewig langen und mit unzähligen Anhängen versehenen Bericht vor.

 

Einige Veränderungen im Vergleich zu früher gibt es aber schon. Das Angebot, Leistungen für den Zeitraum der Zwangsisolierung auszuzahlen, ist nicht nur humaner, sondern entschieden effektiver als Strafbestimmungen. Die letzteren führen erst bei vollständiger Kontrolle und fast hundertprozentiger Vollstreckung zum Erfolg – oder als die letzte Verteidigungslinie bei wirklich extremem Verhalten. Dies kann man auch im Reich der Mitte beobachten – auch dort kommt es vor, dass Gesetze massenhaft gebrochen oder umgangen werden, und die Schauprozesse für den einen Prozent aller Täter, die das Pech hatten, erwischt zu werden, werden daran auch nichts ändern.

 

Schluss mit den Rekordzahlen auf den Flughäfen

Der Pessimismus lässt annehmen, dass die Flughafenchefs, die die Zahlen abgefertigter Passagiere vorlegen werden, ihren Rückgang in den folgenden Quartalen 2020 mit dem Einfluss des Virus rechtfertigen und versprechen werden, im nächsten Jahr auf den Pfad des Wachstums zurückzukehren. Es wird nach wie vor eine Minderheit sein – vielleicht nur etwas zahlreicher –, die zu dem Schluss kommt, dass sei kein Ziel an sich. Die Erfahrung eines freien und schnellen Reisens, das sogar für den weniger betuchten Teil der Gesellschaft erreichbar war, ist natürlich die Erfahrung nur einer Generation. Man darf hingegen hoffen, dass die bereits erwähnte sichere wirtschaftliche Abkühlung den Bau des Zentralflughafens von Warschau in Baranów (Centralny Port Komunikacyjny, CPK) darauf beschränkt, den Vorstandsmitgliedern ihre Gehälter auszuzahlen, wodurch uns gelingen würde, den Fehler der Flughafeninvestitionen bei Berlin oder Madrid zu vermeiden.

 

 

Ausnahmezustand? Wohl bekommts

Diskussionen über Menschenrechte während einer Epidemie sind nicht neu. Die juristischen Instrumente der Europäischen Union sind natürlich (und zum Glück) mit Kontrollmechanismen auch für solche Umstände ausgestattet. Sie können aber die Öffentlichkeit vor der effektiven Wirkung des Narrativs kommender Demagogen nicht schützen, die versprechen, gegen Gefahren mit harter Hand vorzugehen. In einer Zeit, in der die Welt global gesehen immer sicherer wird, ist die Sensibilität gegenüber Unrecht nicht vollständig verschwunden, dennoch steht es um sie wohl noch schlechter, als in den wirklich schlechten Zeiten, als George Orwell seine leidenschaftlichen Feuilletons fleißig niederschrieb.

 

Man könnte die Hypothese wagen, dass es zwei Gründe gibt, warum die Bilder von Flüchtlingen einen nicht mehr so starken Eindruck hinterlassen wie früher. Zum einen liegt es an der Informationsüberflutung und dem automatischen Verschieben der erhaltenen Nachricht in ein mit Filmen und Serien überfülltes Fach mit der Beschriftung “Fiktion”.

 

Der zweite Grund ist die fehlende eigene Erfahrung von tatsächlich dramatischen historischen Momenten. Die Epidemie, die der Kontrolle der Behörden entgleitet, selbst wenn die Letalitätsrate relativ niedrig ist, könnte die heutige Generation dennoch verändern. Ob sie uns auch nur in einem Zehntel auf die kollektive Arbeit vorbereitet, die wir leisten sollten, um unseren Planeten vor einer Klimakrise zu bewahren? Diese Frage bleibt offen.

 

 

Liebe in den Zeiten der Corona

Es ist bekannt, dass der Geist als die “Soft”-Funktion in seinem natürlichen “Hardware”-Umfeld, dem Gehirn, unser wichtigstes erotisches Organ ist. Wenn man nicht vergisst, dass Eros nicht nur Sex bedeutet, sondern ein ganzes Spektrum an engen Bindungen umfasst, die für ein Individuum lebenswichtig sind, so kann man beobachten, wie es seit über einem Jahrzehnt in großem Ausmaß einem Wandel unterliegt. Ein Jugendlicher, der in einer Straßenbahn leidenschaftliche Worte an seine Auserwählte schreibt, welche sich sowohl ein paar Straßen weiter als auch in Australien befinden kann, wundert uns nicht mehr. Positiv an den heutigen Veränderungen ist die Tatsache, dass, sollten unsere Reisemöglichkeiten eingeschränkt werden, uns immer noch die Messenger bleiben, die uns Kontakt mit praktisch Jedem an jedem Ort dieser Welt ermöglichen. Vorausgesetzt, klar, dass die Stromversorgung nicht unterbrochen wird. Letzten Endes ist das viel mehr, als Tage und Wochen auf eine Briefzustellung zu warten, zumal wir nicht nur schreiben, sondern auch alles versenden können – erstmals mit Ausnahme vom Geschmack und Geruch der gerade eingenommenen Speisen.

 

 

Mögen wir bloß in interessanten Zeiten leben?

Die Quelle der Epidemie ist zweifellos in China zu verorten. Aufgrund der Bevölkerungszahl, Bevölkerungsdichte und weil die westlichen Epidemie-Standards dort immer noch eingeschränkt greifen, ist Südostasien ein natürlicher Epidemieherd. Und das nicht nur für die letze Epidemie, sondern möglicherweise auch für ein paar weitere. Mit dieser Tatsache wird auch gern rein rassistisches Verhalten gerechtfertigt. Setzen wir diese Ängste mit der Anti-Impf-Bewegung oder mit dem Prozentsatz derer (ein paar Prozent von den Risikogruppen), die sich gegen die saisonale Grippe impfen lassen, in Verbindung, so bekommen wir ein Bild von der Bereitschaft der Gesellschaften, der Epidemie vom Anfang des 21. Jahrhunderts die Stirn zu bieten. Die Verantwortung ist übrigens die gleiche, wie im Fall einer gewöhnlichen Korruption.  Was dazu beiträgt, ist sowohl die Erfindung immer dümmerer Werbung mit noch schädlicher unterschwelliger Wirkung sowie die Tatsache, dass sich Konsumenten diese Werbung anschauen. Tagtäglich werden wir mit Informationen über “aktive Wunderwirkstoffe” bombardiert, welche “100 % aller Bakterien” töten, sodass unsere Gesellschaften immer wehrloser werden. Gleichzeitig bewirkt die Qualität der Bildung nicht nur in den Schulen, sondern auch die in den öffentlich-rechtlichen Medien, dass die Mehrheit der Bürger zwischen einem Virus und einem Bakterium nicht unterscheiden kann. Im Endeffekt ist es vielleicht nicht so wichtig, woran wir sterben. Warum aber wollen wir unbedingt darauf beharren, den zukünftigen Geschichtslehrbüchern unsere paar Zeilen hinzuzufügen, die mit den folgenden Worten beginnen: “Aufgrund der begangenen Fehler …”.

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Tadeusz Jędrzejczyk

Tadeusz Jędrzejczyk, Absolvent der Medizinischen Akademie in Danzig, heute Hochschullehrer, Autor von wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Artikeln. Arbeitete in der Vergangenheit u.a. in der Krankenhausverwaltung und beim Nationalen Gesundheitsfonds.

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