Jeder lebt für sich allein

Beim Versuch, mit Sinn und Geist unsere gegenwärtige Welt zu erfassen, die Welt von heute, die Welt, deren Konturen sich beim Anbruch des 21. Jahrhundert abzeichneten und die jetzt, da sie herangereift ist und etwas Rot auf die Wangen bekommen hat, gerade mit Beginn des dritten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts, von dem wir jetzt schon sagen können, es sei ein interessantes, da sie gleichsam die von der vorangegangenen Epoche geerbte Hülle abgeworfen hat, können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass sich vor unseren Augen eine historische Wachablösung vollzieht. Es wäre natürlich generationeller Größenwahn zu behaupten, unsere Zeiten seien außergewöhnlich und verdienten mehr Beachtung als andere, es wäre ein leichtes, eine solche Ansicht zu verlachen und ihren Widersinn zu erweisen.

Ein Einwand könnte lauten: Sind nicht etwa alle Zeiten, alle Epochen, auf ihre jeweils eigene, unnachahmliche Art außergewöhnlich? Und zwar durch die Außergewöhnlichkeit der Menschen, welche sie hervorbringen, die sie kreieren und ihnen ihre besondere Färbung geben? Der Gedanke ließe sich ebenso leicht mit dem diametral entgegengesetzten Argument widerlegen, sagen wir einmal, nach stoizistischer oder buddhistischer Auffassung, dass nämlich keine Zeiten außergewöhnlich seien, sondern alles, was uns begegnet und was wir in der Welt wahrnehmen, auch wenn es uns als sehr bedeutsam, als ungeheures Leiden, als schwere Katastrophe oder auch als extatischer Triumph erschiene, doch das Gewöhnlichste und Banalste sei und ganz gewiss überhaupt gar nicht stattfinde, es sei denn in unserer Vorstellung.

© Zygmunt Januszewski

Und doch würde uns eine solche Zögerlichkeit, wie sehr sie auch vom gesunden Menschenverstand angeleitet wäre und vielleicht gar von Anstand und Ehrerbietung gegenüber Ahnen wie Nachfahren, uns in die Absurdität stürzen und es uns unmöglich machen, über die Welt und uns selbst in historischen Kategorien nachzudenken, mithin in Kategorien, in denen unser durch Linearität verdorbener Verstand sich am wohlsten fühlt. Wessen Berührung wir wie der Nobelpreisträger Giorgos Seferis in seinem berühmten Gedicht „Der König von Asine“ auf der Oberfläche eines der Zeit enthobenen Steins suchen, wie auch wessen Atem wir in unserem Nacken spüren, wird uns diese Anmaßung vergeben müssen: Lassen Sie uns für einen Augenblick unsere eigene Zeit als Epoche eines außergewöhnlichen Umbruchs sehen. Wird das dritte Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, in dem die Menschen in Schutzmasken umher‑ und in den Onlinemodus übergingen, als solche in Erinnerung bleiben?

Wie sehr es auch die Welt erschüttert und bei seinem Raubzug auf den Kopf gestellt hat, auf dem es auf allen Kontinenten Millionen von Opfern forderte, ist das Coronavirus für sich genommen, selbst wenn es uns noch auf lange Zeit erhalten bleibt, kein geschichtsmächtiger Faktor. Dies ist weder die erste noch die letzte Pandemie in der Geschichte der westlichen und überhaupt einer jeden Zivilisation. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass dieses Virus gewisse Vorgänge beschleunigt hat, allen voran natürlich die Digitalisierung, schließlich hat es uns lange Monate zu Hausarrest verurteilt und dazu gezwungen, alles von Zuhause aus zu erledigen. Es ist unwahrscheinlich, dass das Leben nach der Pandemie in die analoge Ära zurückkehren könnte, in der wir trotz allem zuvor noch beheimatet waren. Das wäre so, als wollten wir zu den Zeiten vor dem Automobil zurückkehren, vor elektrischen Haushaltsgeräten oder zu Medizin und Pharmazeutik der Vormoderne.

Unsere Versuche, die Wirklichkeit zu verstehen, in der wir feststecken und für die wir aus eben diesem Grunde kein passendes Messwerkzeug besitzen, bedienen sich vielfach der Heuristik, einer wissenschaftlichen Methode, die bei unzulänglicher Menge an Informationen über Intuition und Vorstellungsvermögen zu Ergebnissen zu gelangen sucht. Es ist eigentlich unmöglich, die Veränderungen der gegenwärtigen Welt zu beschreiben; dafür gilt nämlich das Paradox des Frosches im kochenden Wasser: Wir bemerken Veränderungen für gewöhnlich solange nicht, bis sie vollendet sind. Und selbst wenn wir intuitiv und subkutan spüren, dass eine Metamorphose stattfindet, sei es in der Welt oder in uns, verstehen wir das wahrgenommene Kribbeln nicht, können es nicht in einen größeren Kontext einordnen oder dafür sinngebende Bezugspunkte finden. Das bedeutet jedoch nicht, dass es den Versuch nicht wert wäre, im Gegenteil: Ich wage die Behauptung, wir müssen gerade danach greifen, was sich außerhalb unserer Reichweite befindet.

Marcel Gauchet veröffentlichte in der französischen Zweimonatszeitschrift „Le Débat“ (2020, Nr. 210) den Essay „À la découverte de la société des individus“ (Auf der Suche nach der Gesellschaft der Individuen). Für mich ist dieser Text eine ausgezeichnete Illustration des erwähnten Gedankens; er zeichnet sich dadurch von allen anderen, mir bekannten Ansätzen zur Beschreibung der aktuellen und kommenden Wirklichkeit aus, dass er nicht nur die in der Welt sich vollziehenden Veränderungen darstellt, sondern gerade auch eine heuristische, blind tastende Suche darstellt. Gauchets These ist: Nach der Epoche der Gesellschaften gehen wir zur Epoche der Einzelwesen über; die Ordnung der Welt wird umgekehrt. Der individualisierte Einzelne, so schreibt Gauchet, sei ein Einzelner, der meine, für sich und unabhängig von der Gesellschaft zu leben. Was wir seit einiger Zeit erfahren und noch nicht ganz verstehen, ist das Aufkommen einer Gesellschaft der Einzelwesen. „Dieser Vorgang hat die Dimension eines zivilisatorischen Erdbebens, mit dem wir irgendwie fertigwerden müssen.“

Es waren wohl die Schriftsteller der Moderne, die als erste die Individualisierung spürten, mit ihrem besonders sensiblen und der Tragik zugeneigten Verstand, die Friedrich Nietzsches und Franz Kafkas und in einer späteren Generation die Hermann Hesses, und natürlich aus dem Wesen ihres Künstlertums heraus die Dichter. In den Werken der Künstler dieser Zeit finden wir das gleichsam abgesonderte Individuum vor, sei es auch gegen seinen Willen, sei es in der kosmischen Opposition von Ich und Welt, abgesondert von der amorphen Struktur der Gesellschaft, die von vorhistorischen Zeiten bis zum 19. Jahrhundert den sie bildenden Atomen, den in ihren Adern kursierenden roten Blutkörperchen der Individuen eine überwölbende Ordnung gaben. Diese Epoche gelangte im vergangenen Jahrhundert an ihr Ende, bzw. dieses Ende zeichnete sich damals am deutlichsten ab – vielleicht waren die Weltkriege und Völkermorde nur seine äußeren Symptome?

Es ließe sich sagen, die im weiten Sinne verstandene Moderne war bereits eine Zeit der Individuen, doch diese befanden sich noch in der Defensive. Freilich ging mit dem Großen Krieg auch die Zeit der großen Erzählungen und der großen historischen Konstrukte zu Ende. Aus diesem Grund finden wir heute Romane wie Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder Jarosław Iwaszkiewicz’ „Ruhm und Ehre“ hyperhistorisch und veraltet, und eigentlich mögen wir sie schon gar nicht mehr lesen. Und doch war das eine Zeit, in der das Individuum, wie bewusst es sich seiner selbst auch schon war, nicht die Macht besaß, die Fundamente zu sprengen, sondern sie nur untergraben konnte.

Wenn er vom Weg in die „Gesellschaft der Individuen“ schreibt, umfasst Gauchet gedanklich die vier letzten Jahrzehnte: So lange besteht seiner Auffassung nach unser Weg in die neue, für uns noch vollkommen rätselhafte Wirklichkeit. Das einzige, was wir wissen, ist, dass die Gesellschaft als Gemeinschaft von Individuen nicht länger unsere Grundstruktur bildet; es ist sogar möglich, dies füge ich meinerseits hinzu, dass sie überhaupt zu bestehen aufgehört hat, was wir nur noch nicht wahrzunehmen vermögen.

Das Individuum befindet sich also mindestens seit einigen Jahrzehnten in der Offensive. Heute mehr denn je. Die Bewegung setzt sich mit gleicher Kraft fort, aber, um eine Metapher aus der digitalen Welt zu gebrauchen, sie jagt durch Glasfaserkabel. Jeder und jede ist in gewissem Sinne ein Mittelpunkt von Meinungsbildung und Entscheidungsfindung; jeder und jede hat ein Monopol auf Meinungen und Entscheidungen. Und nicht zuletzt hat jeder und jede in der virtuellen Welt sein oder ihr Pseudonym! Die Individualisierung, so schreibt Gauchet weiter, bilde ein wichtiges Charakteristikum dieser außergewöhnlichen Epoche der Neuzeit, eine grundlegende Äußerung des Wandels der Daseinsweise von Gesellschaften, die seit mehr als fünf Jahrhunderten einen Weg beschritten haben, auf dem sich heute die ganze Welt befinde. Dieser Wandel bestehe darin, eine zur Religion alternative Quelle der Rechtsetzung zu finden, wie sie die Menschenrechte darstellen, die nach und nach das göttliche Recht und seine Ableitungen verdrängen. Erst gegenwärtig würden Bedeutung und Umfang dieser Substitution vollkommen klar.

Ohne zu vergessen, dass alle Verallgemeinerungen und historische Parallelisierungen wie eindrucksvolle Seifenblasen sind, die, sobald sie ihre maximale Größe erreicht haben, in der Sonne genauso eindrucksvoll zerplatzen und spurlos verschwinden – so wagen wir zum Schluss doch einmal einen Vergleich zwischen unserer Ära und dem Übergang von Mittelalter zu Neuzeit. Wenn wir also einmal, mit einer gehörigen Vereinfachung, wie die Historiker zufügen würden, solche Ereignisse und Vorgänge in die übliche Reihenfolge bringen wie die Pestepidemien (der „schwarze Tod“), die großen Entdeckungsfahrten, den Humanismus, die Reformation und die Gegenreformation, fühlen wir uns dann in unseren chaotischen Zeiten nicht ein wenig mehr heimisch im „ewigen Europa“? Gewiss nicht unbedingt besser, aber doch ein klein wenig sicherer? Vielleicht ist die Welt doch nicht völlig verrückt geworden? Werden die Ideen der Renaissance nicht heute erst wirklich umgesetzt? Und weiter: Ist die „konservative Reaktion“ nicht gleichsam eine logische Fortsetzung der Bestrebungen derer, die in Konfrontation mit dem belebten Denken des 16. Jahrhunderts die Zeit zurückzudrehen wünschten, was bekanntlich niemandem jemals gelingt, indem sie die Häretiker und ihre Werke verbrannten? Was wird diese erneuerte Konfrontation bringen? Welche „neue Ordnung“ wird daraus hervorgehen?

Die Dynamik dieser Abläufe ist heute natürlich eine andere: Wir leben in einer Welt, in der wissenschaftliche Umbrüche nicht im Abstand von Jahrzehnten oder Jahrhunderten geschehen, sondern alle paar Augenblicke. Man kann den abschließenden Überlegungen in Marcel Gauchets brillantem Essay nur zustimmen, dass das Aufkommen der „Gesellschaft der Individuen“ ganz sicher nicht das letzte Wort der Geschichte ist. Wer weiß, ob nicht die Erfindung und der Aufbau völlig neuer gesellschaftspolitischer Verfassungen, die uns sicher bevorstehen, das geringste der zukünftigen Herausforderungen ist.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

Schlagwörter:
nv-author-image

Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.