Der gerührte Präsident. Zwischen Versöhnung und Erinnerung

Mit Valéry Giscard d’Estaing ist am 2. Dezember 2020 ein französischer Staatsmann europäischen Formats verstorben, dessen politische Laufbahn eng mit dem Engagement für die deutsch-französische Versöhnung und für die Integration Europas verbunden bleibt. Sein freundschaftliches Verhältnis zum deutschen Bundeskanzler Helmut Schmidt, das nicht zuletzt auf den fachlichen Wahlverwandtschaften der beiden Wirtschafts- und Finanzexperten basierte, wird in Erinnerung bleiben, obschon es nicht dieselbe historische und symbolische Resonanz entfaltet hat wie einst die engere Beziehung zwischen General Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer. Die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zeichnen sich zugegebenermaßen nicht durch eine besonders reichhaltige Symbolpolitik in den bilateralen Kontakten zwischen Frankreich und der Bundesrepublik aus.

 

Dies hing allerdings nicht so sehr von den jeweiligen Persönlichkeiten ab, sondern vielmehr von der Spezifik jener Zeit in Westeuropa, die vor allem von wirtschaftlichen Integrationsprozessen geprägt war, und die wiederum aufgrund ihrer Eigendynamik die zwischenstaatliche und -gesellschaftliche Annäherung förderte. Umgekehrt aber führte die internationale Lage in jenem „Jahrzehnt der Ängstlichkeit“ (age of anxiety), wie es Frank Biess formulierte, dazu, dass sich der Schwerpunkt der emotionalen Gemengelage in den meisten Gesellschaften Europas allgemein auf andere kollektive Gefühle verlagerte, die sowohl von den beiden in kurzem Abstand aufeinander folgenden Ölpreiskrisen als auch der sich gegen Ende der Dekade erneut anbahnenden Zuspitzung der Ost-West-Spannungen verursacht wurden. Nichtsdestoweniger war jedoch rund eine Generation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so könnte man es formulieren, eine Art „kleine Normalität“ eingetreten, ein Zustand der Vertrautheit, ja zunehmenden Vertrauens zwischen den beiden Partnern, die zwar nicht alle Aspekte der vergangenen Konflikte in ihren Wechselbeziehungen sowie in ihrer jeweils eigenen Zeitgeschichte aufgearbeitet hatten (siehe den erst Ende der 1960er Jahre einsetzenden Prozess der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik einerseits und den damals noch anhaltenden, das Vichy-Kapitel verschleiernden Widerstandsmythos in Frankreich), die aber schon imstande waren, europäisch zusammen zu leben und zu wirken.

 

Giscard d’Estaing und Helmut Schmidt beim Treffen der EG-Regierungschefs in Den Haag, 1976. Quelle: Wikipedia

Potenzielle Konfliktthemen– etwa gegenseitige Demütigungen während und nach dem Krieg, beispielsweise im Zusammenhang mit Besatzungserfahrungen – kamen zu der Zeit nicht zur Geltung, was auch damit verbunden war, dass in den damaligen europäischen Gedenkkulturen die tragende Norm der „Verletzlichkeit, Achtsamkeit und Rücksichtnahme“, wie Ute Frevert unsere heutige Epoche gefühlshistorisch bezeichnet, noch sehr schwach etabliert war. Der heutzutage besonders im Westen Europas viel stärker präsente Post-Heroismus war vor einem halben Jahrhundert noch kaum wahrnehmbar, Werte wie nationaler Stolz – gerade in Frankreich – noch viel stärker ausgeprägt, was auch in den internationalen Beziehungen zum Vorschein trat: Willy Brandt betrat im Dezember 1970 mit seinem bahnbrechenden Kniefall in Warschau versöhnungspolitisches und gefühlskulturelles Neuland, das somit ein Zeitalter der Entschuldigung (age of apology) einläutete. Dieses hält – nach dem auf das Ende des Staatssozialismus in Ostmitteleuropa folgende Auftauen der Erinnerungen – noch bis heute an.

 

Giscard d’Estaing lag viel daran, nach de Gaulle und dessen Nachfolger Georges Pompidou, ein neues Kapitel im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Frankreichs einzuleiten.

Als Präsident (1974-1981) handelte pragmatisch und zukunftsorientiert, sowohl in der Innenpolitik, aber vor allem auch im Umgang mit der Bundesrepublik und europäischen Fragen. In Erinnerung bleiben z.B. sein Engagement für die Schaffung des 1979 entstandenen Europäischen Währungssystems sowie für die Einführung der unmittelbaren Wahl des Europäischen Parlaments – beides in enger Zusammenarbeit mit Bundeskanzler Schmidt. Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt blieb d’Estaing eine einflussreiche Stimme in Frankreich und Europa. Eine seiner zahlreichen Stellungnahmen verdient in dem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit, da sie im Juli 1994 – wenn auch kurzweilig – für Aufsehen an beiden Ufern des Rheins sorgte. Die heute von vielen wohl vergessene Episode ereignete sich wenige Wochen nach den Wahlen zum Europaparlament, während einer Fernsehdebatte zwischen Giscard d’Estaing und dem ehemaligen französischen, sozialistischen Ministerpräsidenten Michel Rocard zu europapolitischen Fragen im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France 2. Der Journalist Bruno Masure fragte Giscard d’Estaing, was er von dem Vorschlag des damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand halte, anlässlich des Nationalfeiertages am 14. Juli 1994 auch deutsche Soldaten des Eurocorps einzuladen, auf den Pariser Champs-Élysées mitzumarschieren. „VGE“ – wie sein Name umgangssprachlich und modern oft abgekürzt wurde – war von dem Vorhaben nicht begeistert. Seine Antwort wirkte überraschend – sowohl in Hinblick auf den Inhalt als auch angesichts der für den gediegenen Politiker ungewöhnlichen und offensichtlich authentischen Rührung, mit der er sie abgab. Für einen Augenblick sichtlich aufgewühlt erklärte Giscard d’Estaing:

 

„Hören Sie, also ich bin für die deutsch-französische Versöhnung. Sie stellen mir jetzt diese Frage und ich beantworte sie sehr ehrlich; da ist kein Kalkül mit dabei. Als ich als Gymnasiast in Paris lebte, hörten wir jeden Morgen beim Aufwachen die *Seufzer* die Deutschen – es bewegt mich immer noch – wie sie an unseren Fenstern vorbeigingen und sangen. Und wir hörten ihren Marschschritt auf der Straße; das dauerte bis 1944. Nun, der Gedanke daran, dass wir in dem Jahr, wo man doch immerhin dieser Kämpfe, dieser Opfer gedenken wird, einen Aufmarsch auf den Champs-Élysées haben werden, bewegt mich *Seufzer*. […] Es gibt Orte für die Versöhnung und Momente für die Erinnerung.“ (Übersetzung: PFW)

 

Natürlich lassen sich mit dieser sehr persönlichen Aussage keine allgemeinen Rückschlüsse auf einen irgendwie merkbaren Rückschlag in der damaligen französischen Erinnerungskultur im Verhältnis zum Zweiten Weltkrieg und zum Versöhnungsprozess mit den Deutschen ziehen. Ein solcher ließ sich im Zusammenhang mit dem 50. Jahrestag der Befreiung Paris’ (25. August 1944), auf den im Zitat angespielt wird, nicht beobachten. Auch Mitterrand reagierte verständnisvoll, doch gelassen, und quittierte Giscard d’Estaings Worte mit dem Satz, jeder hätte eben das Recht auf seine eigenen Gefühle. Allerdings veranschaulichte Giscard d’Estaings Perzeption die emotionale Gratwanderung einer gelungenen Versöhnungspolitik, die das kollektive Bedürfnis nach Erinnerung stets berücksichtigen muss. Versöhnung darf nämlich nicht darauf beruhen, das Vergessen zur Bedingung zu erheben, ganz nach dem Motto: „Schwamm drüber“. Und ein Blick auf die französische Erinnerungskultur zeigt sehr deutlich, dass sie vor der Versöhnungspolitik zwischen Frankreich und Deutschland nie Halt gemacht hat. Vielmehr koexistieren beide zugleich, Erinnerung und Versöhnung, ohne voneinander beeinträchtigt zu werden. Liegt vielleicht gerade darin ein Schlüssel zum Erfolg der deutsch-französischen réconciliation, dass Frankreich als der sich auf Versöhnung einlassende Partner seine schmerzhaften Erinnerungen weiterhin ausleben konnte und diese von der deutschen Seite wahrgenommen und anerkannt wurden? Und wären hier Rückschlüsse auf die deutsch-polnische Annäherung sowie die jüngsten Turbulenzen in den geschichtspolitischen Beziehungen zwischen Berlin und Warschau möglich?

 

Hier scheinen zwei Faktoren aufeinander zu treffen, die dazu beitragen, dass der Weg zur deutsch-polnischen Versöhnung holpriger ist als der deutsch-französische, abgesehen von anderen bekannten Aspekten, durch welche sich die zeitgeschichtlichen Wege beider Relationen unterscheiden (wie die Gewalterfahrung im Zweiten Weltkrieg, Teilung Europas im Kalten Krieg, der Grad der Asymmetrie in den bilateralen Beziehungen). Einerseits musste sich der deutsch-polnische Versöhnungsprozess u.a. aufgrund vor allem geopolitischer Zwänge anders entwickeln als der deutsch-französische, so dass er sich erst später (entgegen des beliebten Narratives der 1990er Jahre jedoch weder „verspätet“ noch „nachholend“…) voll entfalten konnte. Dadurch aber fiel diese bilaterale Entwicklung andererseits in einen gefühlskulturellen Kontext, der sich inzwischen – in den neunziger Jahren – stark von dem unterschied, der früher im deutsch-französischen Zusammenhang geherrscht hatte. Wenn heute nun die Bedeutung des Opferstatus stärker unterstrichen und individuelle wie auch kollektive Leidenserfahrungen zunehmend öffentlich thematisiert werden, ja die Opferkultur international eine lawinenartige Aufwertung erfährt, wird auch im Umgang zwischen Deutschland und den Staaten, die einst den von ihm ausgehenden Aggressionskrieg erleiden mussten, vermehrt deutsche Empathie erwartet. Diese mag beispielsweise dadurch zum Ausdruck gebracht werden, dass sich der deutsche Partner bereit erklärt, Polen mehr erinnerungskulturelle Zuwendung zu schenken, als es bislang der Fall gewesen ist. So erscheint es heute – an der Schnittstelle zwischen kollektiven Emotionen und sozialem Gedächtnis – zugunsten des deutsch-polnischen Versöhnungsprozesses wichtiger denn je, in Deutschland der polnischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg einen gebührenden Platz zu bereiten. In diesem Sinne erscheint gerade die nunmehr auch vom Bundestag unterstützte Initiative zur Errichtung eines Denkmals in der Mitte Berlins zum Gedenken an die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 als eine der deutsch-polnischen Annäherung besonders zuträgliche Geste.

 

„Es gibt Orte für die Versöhnung und Momente für die Erinnerung.“ Nach einem Vierteljahrhundert behält Giscard d’Estaings Satz auch umgekehrt formuliert eine tiefgründige Bedeutung, deren Widerhall heute möglicherweise noch stärker zu vernehmen ist als damals: Momente der Versöhnung dürfen auch Orte der Erinnerung zulassen.

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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