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Aufzeichnungen in Zeiten des Krieges

Die Nachricht vom Krieg erreichte mich in Griechenland. Ich war für einige Tage gekommen, um Frühling und Ruhe zu genießen, von denen es bei uns nie genug gibt. Denn wir leben wie in einer endlosen Vorerntezeit. Der Vorfrühling will kein Ende nehmen. Und damit die innere Unruhe, die sich in schwankenden Graden von Depression und Aggression, Verzweiflung und fruchtloser Aufwallung zeigt, unterfüttert mit einem vagen Gefühl von Sinnlosigkeit, Einfallslosigkeit, des unaufhörlichen Auftauens und Wiedereinfrierens des Geistes. Des ständigen, unausgesprochenen Wartens auf den Krieg. Der Unfähigkeit zum Frieden.

Putin kam mir im ersten Morgengrauen aus dem iPhone entgegen. Noch vor dem Kaffee, gleich nach dem Wachwerden. Der kriegerische Putin. Unglauben und Orientierungsverlust. Welches Gegenbild zu griechischem Frühling, Ruhe und dem seiner hinreißenden Landschaft eigenen Wetter.

Die Peloponnes, das Meer und die Berge, das Blau und das Grün, die einfachen, glückerfüllenden Tätigkeiten. Orangenpflücken, Zitronenpressen, Spaziergänge durch Blumenwiesen und Olivenhaine. In Kriegszeiten ist das alles immer noch da. Es fällt noch deutlicher ins Auge. Es rührt noch mehr an, umfängt den Menschen. Doch in allem Entzücken bereitet es Schmerz.

Dieser Krieg ist so nah an Polen, betrifft Menschen, die unter uns leben, spielt sich in Städten ab, für die wir meist noch die alten polnischen Namen in Erinnerung haben. Das ist alles andere als unwichtig. Das ist sehr wesentlich. Wesentlich dafür, wie wir diesen Krieg erleben. Diesen bestialischen, ungeheuerlichen Überfall. Er lässt in uns viele erstorbene Erinnerungen wiederaufleben, viele schlafende Geister. Er versetzt unserer inneren Welt einen heftigen Stoß. Er lässt das wiederkehren, was die Geschichte besonders schmerzhaft und verheerend diesem Teil Europas zubedacht hat. Eine Wiederkehr des Verdrängten. Das sind meine Gedanken, während ich in dem großen Theater von Epidauros stehe.

Vierter Tag des Krieges. Das Theater ist ganz leer, doch herrscht darin eine konzentrierte Präsenz. Etwas in mir schwillt an. Ich beginne zu schreien. Ich schreie, während ich inmitten der antiken Bühne stehe. Die Stimme wirkt tiefer in dieser atemberaubenden Akustik, vervielfacht sich, hallt wider wie aus dem Abgrund. Sie wird verstärkt von einer Stimme aus den Eingeweiden der Erde. Aus einer tiefen und blutenden Wunde, geschlagen vom ewigen Kampf der Freiheit gegen die Tyrannei, die sich lustig macht über Träume und Menschenrechte und sie zertrümmert. Über die Gesellschaft freier Menschen. Ich spüre in meinem verzweifelten Schrei alle, die sich im Kampf für die Freiheit mit dem imperialen Wahn messen mussten. Mit dem „wahnwitzigen Stolz der großen Selbstherrscher“, wie Mickiewicz schrieb. Der skrupellosen, doch feigen „Zaren“, zu denen so sehr der jämmerliche Unglücksmensch Putin gehören möchte.

Die Ukrainer haben jedes Recht, sich heute wie die Griechen vorzukommen, die den Persern bei Marathon, an den Thermopylen und bei Salamis Widerstand leisteten. Ja, liebe Schwestern und Brüder Ukrainer, ihr habt das Recht! Und jeder Tag des Krieges bestätigt diese Überzeugung durch euren Heldentum und eure Leiden. Euer иди на хуй! [frei: „verpiss dich!“] ist wie das Griechische μολών λαβέ [„komm und hol sie dir!“; angebliche Entgegnung des Spartanerkönigs Leonidas in der Schlacht bei den Thermopylen 480 v.u.Z. auf die Aufforderung des Perserkönig Xerxes I. an die Griechen, die Waffen niederzulegen; A.d.Ü.]. Wie ich so auf der Bühne von Epidauros schrie, spürte ich, wie alle freiheitsliebenden Geister, die gegen die Tyrannei kämpften, heute mit euch sind. Und sie sorgen dafür, dass euch die Eindringlinge nicht überwinden.

***

Gleich nach der Rückkehr aus Griechenland versinke ich in den nebeligen Fluten der polnischen Sozialpsyche. In unser vernebeltes kollektives Unbewusstes (dieser Nebel ist schwarz wie Asche und rot wie Blut). Polen ist sich selbst der Hades. Besonders jetzt. Gerade jetzt, da es doch so vor Begeisterung und Tatendrang brennt, auf die ich, glaubt es nur, wirklich stolz bin.

Was sind das nur für Saiten, die dieser Krieg in uns Polen in Schwingung versetzt und sicher auch in anderen Osteuropäern? Ich werden hier nicht von etwas schreiben, was wir alle wissen. Ja, sicher Empathie, sicher Gastfreundschaft, sicher Solidarität etc. Das ist uns allen klar. Aber das ist nicht alles. Das ist nur die Oberfläche unserer mit Fantasien und Wünschen angefüllten Sozialpsyche, die wir schon sehr lange zu ignorieren vorziehen.

Was aus diesen Fluten emporsteigt und sich so großartig als Empathie und Hilfsbereitschaft zeigt, ist unsere eigene, offene Rechnung mit Russland, unser russisches Trauma. Niemand außer Nazideutschland hat uns derart viel Leid zugefügt. Nur dass Deutschland besiegt wurde, Reue bekundete, Abbitte leistete und sich radikal verändert hat. Mit dem Nazismus zu sympathisieren, ist in Deutschland strafbar und gesellschaftlich nicht akzeptiert. Aber Russland? Russland hat sich kaum und quasi nur aus lauter Gnade dazu bequemt, seine Truppen aus Polen abzuziehen. Es hat sich zurückgezogen, weil es dazu gezwungen wurde, hat das aber nie akzeptiert. Es pflegt immer noch seine imperialen Ansprüche. Es kann und will sich nicht transformieren. Der Stalinkult ist heute in Russland eine Tugend. Russland tritt mental auf der Stelle. Es bleibt in seinem Wesen, was es war. Und es will das so. Es bereute nicht, bat nicht um Verzeihung, arbeitete nicht an sich. Das gilt sicher nicht für alle Russen. Aber doch für die kollektive russische Erinnerung und Identität. Das imperiale und aggressive Russland ist immer noch eine Realität und Putin nur sein Gesicht.

Und gerade deshalb gibt es bei uns bislang keine rechte Siegesfreude, kein Gefühl einer gerechten Strafe, kein Gefühl der Sicherheit, das die Abdankung des russischen Imperialismus zur Voraussetzung hätte. Angst vor Russland, keine Begleichung der Schulden, keine Strafe. All das lebt immer noch in unserer kollektiven Psyche, nur äußerlich übertüncht: Bei den einen von dem Gefühl, dem Westen anzugehören, bei den anderen von der antiwestlichen Phrase, dass Polen sich „von den Knien erheben“ müsse.

Im Ukrainekrieg haben verdrängtes Trauma und Frustration endlich eine Chance gefunden. Eine Chance auf Überwindung und Genugtuung, was mithilfe der Ukrainer geschehen wird.  Es ist aus polnischer Sicht die Chance, dass sie Russland bestrafen werden, seine imperiale Macht brechen, seine brüchigen Fundamente bloßstellen, seinen Großmachtmythos stürzen werden. Und das geschieht tatsächlich vor unser aller Augen.

Wir spüren also, dass die Ukrainer das für uns erledigen. Sie bringen etwas zu Ende, so will es uns wenigstens scheinen, was uns nie ganz gelungen ist. Die Ukrainer oder in gewissem Sinne, wieder in einem völlig verdrängten, aber doch sehr lebendigen Sinne, wir selbst. Für uns repräsentieren die Ukrainer diejenige Seite unserer selbst, die wir verloren haben: den Traum von Freiheit, Unabhängigkeit, Selbständigkeit, die entschlossene, begeisterungsfähige, so sehr romantische, aber auch ungemein erfolgreiche Seite. Ja, das ist sehr ukrainisch, aber auch sehr polnisch, so empfinden wir. Das reicht tief in die gemeinsame Vergangenheit zurück, die dann so schrecklich verschiedene Wege gegangen ist, aber eine schreckliche Trennung ist immer auch eine tragische Verklammerung, eine Verbindung auf tieferer Ebene, im Abgrund eines gemeinsamen, verlorenen Anfangs, der von keiner Spaltung ungeschehen gemacht werden kann. Die Brudernationen sind also keineswegs Ukrainer und Russen. Nicht mehr und eigentlich noch nie. Es sind Ukrainer und Polen. Ob wir wollen oder nicht, so tönt das heute in uns.

Die Ukrainer haben das alles noch, Begeisterung und Romantik. In ihnen ist wiedergeboren, was wir verloren haben. Und wir selbst wollen das in ihnen und dank ihrer wiedergewinnen. Aber wir können es nicht wiedergewinnen, ohne Opfer zu bringen und wirklich auf ihrer Seite zu stehen. Daher stehen wir auf ihrer Seite und unterstützen sie. Wir wollen sie retten, aber indem wir sie retten, wollen wir auch uns selbst retten und wiederbeleben.

Der Krieg in der Ukraine erreicht zusammen mit den Flüchtlingen die ausgelaugte und kranke Erde der polnischen „Seele“. Das alles ist sehr aufregend, weil es wirklich die Chance bietet, dass etwas in uns zur Vollendung kommt. Dass wir etwas wiedergewinnen und etwas hinzugewinnen, indem wir uns für sie öffnen, also für uns selbst als die anderen. Für eine in uns steckende, andere Möglichkeit. Ich bin seit langem der Auffassung, wenn etwas Polen verändern wird, dann der Zuzug der Ukrainer. Und wie wird das erst sein, wenn es die kämpfenden und vor dem gemeinsamen, archetypischen Feind fliehenden Ukrainer sind.

Dieser psychosoziale Mechanismus betrifft jedoch nicht nur Polen. Er ist auch eine Stütze für die Ukraine. Denn die Ukrainer spüren unsere ihnen zu verdankende Begeisterung. Sie spüren unsere ihnen zu verdankende Veränderung. Und schöpfen aus ihr die Kraft zum Kampf. Die Kraft zum Widerstand. Sie tun das schon lang und werden es weiterhin tun.

***

Das alles sorgt dafür, dass Polen bereits in diesem Krieg kämpft. Vom ersten Tage an. Wie kein anderes Land in Europa. Darüber entscheidet eine unbewusste, psychische Unausweichlichkeit. In den archetypischen Anlagen der polnischen „Seele“, ihren ursprünglichsten Phantasmen, ist der Krieg der Ukraine gegen den russischen Invasor eine Krieg der Rus um die Loslösung von Moskau und ihren erneuten Anschluss an die Krone [gemeint ist das Königreich Polen, dem die ukrainischen Territorien (die „Kiewer Rus“) bis Mitte des 17. Jahrhunderts angehörten; A.d.Ü.]. Ich weiß, das klingt wie ein abgeschmackter Witz. Doch das Unterbewusstsein hat seine eigene Dynamik, seine eigenen Gleise. Es geht nicht darum, dass jemand die Rus annektieren, an Polen anschließen will. Nein! Auf realer und bewusster Ebene bedeutet dieses phantasmatische Spiel nichts anderes als ein Eingang, als Hinführung der Ukraine nach Europa. Es geht um das tiefe, psychische Bedürfnis der „Wiedergewinnung“ der Ukraine als Partner, als Verbündeten, als nahes Land, das von dem russischen imperialen Joch befreit ist.

Wenn ich von dem Phantasma schreibe, wie die Krone Polens mit Moskau kämpft, möchte ich noch auf etwas anderes hinweisen. Der Sieg der Ukraine wird in diesem Phantasma eine Erneuerung der Krone sein, anders gesagt eine Erhebung Polens. Genauso, wie die Einverleibung der Ukraine durch Russland für Polen ein tödlicher Schlag wäre. Eine starke und wiedergeborene, von Polen unterstützte und mit Polen befreundete Ukraine ist auf der Ebene unserer psychosozialen Energien nichts anderes als eine „wiedergewonnene“ Ukraine und damit ein wiedergeborenes Polen. Schließlich war es die russische Teilung der Ukraine, deren Verlust, was dazu führte, das aus uns eine solche leere, niedergedrückte und gedemütigte Nation geworden ist. Da spielt ebenfalls unser kollektives Unbewusstes hinein.

Dieser phantasmatische Wettkampf zwischen Russland, der Ukraine und Polen, der sich während dieses Krieges abspielt, ist etwas sehr Reales, das über die Zukunft Russlands, der Ukraine und Polens entscheiden kann. Und Polen spürt das, weshalb es sich doppelt und dreifach ins Zeug legt. In diesem Krieg kämpfen wir, vertreten durch die Ukrainer, und gottseidank unterstützen und bewaffnen wir sie, wie wir nur können, um die Wiedergewinnung unseres Selbst aus einer mehr als zweihundertjährigen Teilung. Das geschieht erst jetzt. Jetzt besteht die Chance, das zu beenden. Denn die mentale Teilung, die ich hier im Sinn habe, ist tiefer und dauerhafter als die territoriale. Allein der Gedanke erscheint mir erschütternd. Denn vielleicht sind unsere Schwierigkeiten mit Europa und den europäischen Werten, unsere Neigungen zu einem quasirussischen Autoritarismus, unser Nationalismus und unsere Xenophobie unterfüttert mit Aggression, Ressentiment und Verachtung, vielleicht ist das alles der nichtabgeschlossene Kampf mit dem imperialen Russland. Das Verharren unter seinem verborgenen, aber gewaltigen Einfluss, so wie ein Opfer, das sich vom Schergen und Henker befreit.

© Zygmunt Januszewski

Anders gesagt, wir sind gar nicht europaskeptisch, wir würden wirklich gerne Europäer sein, aber etwas hält uns zurück. Nämlich die offene Rechnung mit Russland, das uns jahrhundertelang kolonisierte, bedrückte, demütigte. Uns davon zu befreien, diese Gelegenheit haben heute die Ukrainer, vorausgesetzt, wir beteiligen uns an ihrem Kampf. Eben gerade so, wie wir es tun. Und noch mehr.

Diese Lage läuft auf eine große nationale Schocktherapie hinaus. Der Krieg der Ukrainer gegen Putins Russland ist ihr und unser Krieg um uns selbst. Es ist unser gemeinsamer Krieg gegen den russischen Imperialismus, der nicht nur physisch, sondern auch psychisch unseren Teil Europas zerstört hat. Unsere Unterstützung und unsere Aktivität sind unsere Chance, uns aus dem mentalen Niedergang der Nation zu erheben, den selbst die Mitgliedschaft in der Europäischen Union nicht hat aufhalten können. Um einen Buchtitel Maria Janions zu paraphrasieren: Nach Europa, aber nur mit unseren Ukrainern!

So spielt heute mit der Welt unser kollektives Unbewusstes. Es ist ein Spiel um den höchsten Einsatz. Darum, in Europa wirklich etwas zu sagen zu haben. Darum, uns von den Ungeheuern zu befreien, die uns fressen. Wenn die Ukraine verliert, in mentalem Sinne verliert, oder wenn sie gewinnt, aber ohne unsere Unterstützung, werden wir in der Europäischen Union nicht mehr auf die Füße kommen. Wir werden nicht mehr auf den Pfad eines demokratischen Rechtsstaats zurückkehren. Dazu muss Russland gar nicht mehr bei uns einfallen. Weil wir nämlich letztlich von ganz allein zu Russland werden.

Damit unsere kollektive Psyche heilen kann, muss sie gegen den russischen Imperialismus gewinnen. Zusammen mit der Ukraine. Und es geht überhaupt nicht um einen Sieg über Russland. Es geht nicht darum, das Land zu vernichten und zu demütigen. Das hat nichts mit Russophobie zu tun. Es geht darum, den russischen Imperialismus zu brechen, was auch Russland und den Russen eine Chance bietet. Auch wenn es uns nicht zu urteilen zukommt, ob unsere „Freunde, die Moskowiter“, diese Chance nutzen werden.

***

Nicht zufällig komme ich noch einmal auf unseren Nationaldichter zurück. Denn mein Eindruck ist, niemand sonst wird uns diesen Krieg so richtig erklären. Niemand außer Mickiewicz. Weder Politologie noch Soziologie noch Kulturkritik. Ich weiß, das ist ein völlig verrückter Gedanke. Dazu reicht, sein Gedicht „Reduta Ordona“ (Ordons Redoute, 1832) durchzulesen, um zu erkennen, dass sich seit dem frühen 19. Jahrhundert nichts geändert hat. Immer noch ist es für die Gesundheit und Entwicklung unserer Gesellschaft essentiell, sich dem Gespenst des russischen Imperialismus zu widersetzen und es zu besiegen. Nichts zeigt so klar wie dieser Krieg, dass er heute nichts mehr weiter als ein Gespenst ist. Aber auch als solches ist er offenkundig immer noch verbrecherisch und gefährlich.

Nur Mickiewicz erklärt diesen Krieg. Und „Ordons Redoute“ klingt auf Ukrainisch genauso machtvoll wie auf Polnisch. Nur Mickiewicz erklärt seine wirkliche Gefahr und den wahren Einsatz. Nicht nur den geopolitischen, sondern auch den mentalen. Mickiewicz, das heißt die in polnischer Sprache verfasste osteuropäische Romantik. Eine Romantik, die sich politisch auf den demokratischen „Völkerfrühling“ gegen die Knute der imperialen Tyrannei der „Zaren“ stützt. Das ist eigentlich ein Krieg, der im 19. Jahrhundert stattfinden sollte. Der sich aber ununterbrochen seit dem Novemberaufstand [1830/31] abspielt.

Und deshalb wird Westeuropa diesen Krieg niemals völlig verstehen. So wie es die polnischen Aufstände nicht verstehen konnte. Westeuropa zeigt sich in diesem Krieg für seine Verhältnisse ungewöhnlich entschlossen, was wir wertschätzen sollten, trägt aber auch Verantwortung dafür, ihn ausgelöst zu haben. Eine Verantwortung, die ihm dadurch auferlegt wird, dass es während der letzten Jahrzehnte „pragmatische“ Beziehungen zu dem verbrecherischen Regime Putins unterhalten hat. Was übrigens in der langen Tradition stand, Russland nur nicht zu reizen, seine Andersartigkeit zu „verstehen“ und dergleichen mehr.

Ich verstehe die Angst vor und Bewunderung für Russland nicht, die der Westen hat. Davon wurde viel geredet und geschrieben, aber es gilt immer noch. Wird sich das jetzt legen? Das wäre schön… Aber das hängt auch davon ab, was sich im Unbewussten des Westens abspielt. Die wichtigsten Länder Westeuropas haben schließlich ihre eigene imperiale Vergangenheit. So wundert es nicht, dass sich in ihrem zwiespältigen Verhältnis zum imperialen Russland ihr eigenes imperiales, verdrängtes und nicht aufgearbeitetes Trauma widerspiegelt. Nicht ein Trauma der verlustreichen, antiimperialen Erhebungen, der vergeblichen Versuche, der eigenen Gesellschaft eine dem Geist nach demokratische Selbstbestimmung zu erkämpfen. Das war die Erfahrung Osteuropas und rief im Ergebnis, im Angesicht ständiger Niederlagen, bei uns diesen sozialen Marasmus hervor, der immer seltener von Ausbrüchen der Freiheitsbegeisterung unterbrochen wird. Nein, in Westeuropa handelt es sich um das große Trauma des Verlustes imperialer Bedeutung und Macht. Die noch umhergeisternden, zerbrochenen westeuropäischen Imperien, kolonisiert von amerikanischem Kapital, verängstigt durch die Flüchtlinge, in Schrecken versetzt durch China, faul gemacht durch ungeheure Sattheit und Sicherheit, begünstigen daher insgeheim Russland. Ein Land, das immer noch seine Muskeln als Imperialmacht spielen lässt. Das allen ringsumher den obszönen, vulgären Mittelfinger zeigt.

Der Westen zeigt sich davon nicht nur angewidert, sondern ist auch voll unbewussten Neides und Bewunderung. Es ist sehr bezeichnend und irritierend, welche Diskrepanz es gibt im Westen zwischen den empfindlichen Sanktionen, wie sie von Putins abscheulichen Kriegsverbrechen provoziert werden, und der uneingestandenen Unentschlossenheit und Distanz gegenüber den europäischen Aspirationen der Ukraine.

Wenn ich so darüber nachdenke, gelange ich zu extremen Feststellungen. Wenn die Idee eines geeinten, solidarischen und freien Europas siegen soll, muss der Westen des Kontinents sich eindeutig auf die Seite der Ukraine stellen und sie aufnehmen, während er gänzlich und endgültig auf seine Sympathien für das russische Imperium verzichtet. Wenn das unterbleibt, wird Europa nicht mehr auf die Füße gelangen. Es wird nur noch als lebender Leichnam existieren. Als bemitleidenswerter Narr, der zu keiner ernsthaften Aufgabe mehr fähig ist.

Ich denke daran mit großer Beunruhigung. Mit dem wachsenden Gefühl, dass mit der Ukraine nicht fair umgegangen wird. Vielleicht hat ja der Westen unter dem Druck der USA bereits sein Urteil über Putin gefällt, was ich nur hoffen kann, und doch ist er immer noch nicht imstande, seine postimperiale Faszination für Russland zu revidieren und ihrer für immer zu entsagen. Ist Putin erst gegangen, kann sich diese Faszination rasch wieder einstellen. Solange jedoch der Krieg andauert, gibt es eine Chance. Die Zeiten sind kritisch, der Augenblick günstig. Der Augenblick der letzten Chance ist da für einen spektakulären Umbruch und eine Gesundung auch des Westens.

***

Das sind Gedanken, die im Innern des polnischen Hades aufkommen. Ich bekenne mich dazu nicht ohne eine gewisse Beschämung. Sich in diese Gedanken hineinzuversenken, ist aufregend. Der Krieg in der Ukraine lässt einem keine Wahl. Er ist so überwältigend in seiner Wirkung, dass der Mensch den Grund unter den Füßen verliert und in ein tiefes Loch stürzt. Und ich kann kaum vermeiden, nicht beunruhigt zu sein, dass ich mich von der osteuropäischen Paranoia anstecken lasse, vor der ich übrigens große Angst habe. Von einem manischen Ausbruch im Angesicht der Ratlosigkeit, welche die russischen Bomben, russischen Raketen, russischen Kriegsverbrechen auslösen, die russische skandalöse und bestialische Entschlossenheit, die Ukraine vom Erdboden zu tilgen, sie restlos in die Luft zu jagen und zu zerstören.

Vielleicht sind also diese Gedanken nur Trugbilder des Kriegs, Illusionen und vergebliche Hoffnungen, denn das Gespenst der Tyrannei, das Gespenst des östlichen Imperiums siegt und triumphiert einmal mehr über das Leben. Vielleicht wird in Osteuropa der Geist der Freiheit und der Demokratie niemals mit diesem Gespenst die offene Rechnung begleichen. Und selbst das mögliche Aufwachen des Westens wird uns dabei nicht wirklich helfen. Was für eine Absurdität ist die imperiale Gewalt und der Krieg, den sie auslöst. Kranker Ehrgeiz, kranker Stolz, kranke Seele. Vielleicht hilft dagegen nichts und wieder nichts?

***

Ich bin wieder in Griechenland. Ich reise in der Erinnerung zurück. Es ist der letzte Tag vor der Abreise nach Hause. Wir waren auf einem Vulkan. In Kaimeni Chora, einem Dörfchen an der Flanke großer erstarrter Lavamassen. Wir fuhren weiter hinauf, auf einem gewundenen Weg zwischen Vulkangipfeln, durch fruchtbare, doch einer Mondlandschaft gleichende Krater. Eine kosmische, archaische und außerweltliche Aura. Ein Ort des ausgebrannten Anfangs. Der große und ewige Frieden am Ort einer uralten Weltenexplosion. Auf dem Gang durch diese dröhnende Stille über das Vulkangestein und die glatten, bemoosten Kiesel kamen wir auf den Sankt Elias. Einen kleinen Hügel mit einem Kirchlein obenauf. Von dort aus eröffnet sich ein großartiger Blick. Die Saronischen Inseln auf dem diesigen Meer: Ägina, Angistri und die Inselchen des Pelops, über das Meer verteilt wie die Überreste monströser, archaischer Ungeheuer. Wieso ist es so schrecklich auf der Welt? Mit dem verrückten Putin. Und dem dummen Westen, der in plötzlicher Schockstarre aufzuwachen sucht. Was für ein Abgrund, was für eine Kloake, was für eine Klärgrube. Angst zu denken. Angst. Wieso?

Wieso kann sich nicht für einen Moment die gesamte Menschheit auf dem Sankt Elias versammeln? Sich versammeln und beruhigen. In Schweigen fallen. Spüren, dass so viel Gewalt, Kraft, Macht, Leiden, Dummheit, so viel sinnlose Sturheit nicht gebraucht werden. Es ist schrecklich, schrecklich. Schrecklich… Und es würde doch reichen, einen Augenblick lang auf dem Sankt Elias zu stehen. Über Kaimeni Chora zu fahren. Den Rand eines Vulkankraters zu berühren. Was für ein dumpfes Tier doch der Mensch heute ist. Jeder. Nicht nur Putin. Putin ist wirklich ein Jedermann. Er ist ein paranoider Bewunderer der eigenen Größe, also jeder und jede von uns. Auf dem Sankt Elias habe ich das verstanden. Das habe ich verstanden.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Piotr Augustyniak

Piotr Augustyniak - Philosoph, Essayist, Dramatiker. Professor an der Wirtschaftsuniversität in Krakau. Autor mehrerer Bücher, Mitglied des Redaktionsausschusses des Przegląd Polityczny (Politische Rundschau) und der Redaktion von "Liberte!" Er arbeitet mit dem Juliusz-Słowacki-Theater in Krakau und dem Danziger Shakespeare-Theater zusammen. Fot.: Mikołaj Rutkowski

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