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Unvermutetes in der pommerschen Provinz

Gut, ich gebe es gleich am Anfang zu. Dies hier sollte eigentlich ein deutsch-polnischer Text über Wurst werden, genauer gesagt über Teewurst, in ihrer klassischen oder in ihrer neuerdings so erfolgreichen veganen Form. Auf ihren Spuren bin ich ins pommersche Darłowo gefahren, das vor 1945 Rügenwalde hieß. Dort wurde, so das Marketing der heute im hessischen Bad Arolsen ansässigen Firma, 1860 von einer gewissen Pauline Plüntsch geräuchertes Mett erfunden, um es länger haltbar zu machen. Geblieben ist davon auf dem Land, unweit von Koszalin, nur eine unauffällige zweisprachige Gedenkplakette in der Hauptstraße, der ul. Powstańców Warszawskich 14, links neben dem Eingang zu einem Fotogeschäft, die 2012 angebracht wurde. Mehr gibt es dazu nicht zu erzählen, aber plötzlich tat sich ein anderes Fenster auf.

Als ich vor der Brücke über das Flüsschen Wipper (Wieprza), die in die Altstadt führt, mein Auto neben einer unscheinbaren kleinen Kirche abstellte, sah ich gleich eines dieser in Polen so populären Sitzbankdenkmäler. Ich vermutete das Übliche: ein lokaler Priester, der wahlweise die Rekatholisierung der Gegend betrieben, der Solidarność heimlich geholfen hatte oder einfach nur lange genug regelmäßig die Beichten abgenommen hatte, um zur lokalen Berühmtheit zu werden.

Umso größer war aber bei dem nichtsahnenden deutschen Kulturbanausen die Überraschung, als er einen nicht so wahnsinnig katholischen Schriftsteller erkannte, den er alleine deshalb hier hätte verorten können, weil im heimischen Bücherregal die deutsche Übersetzung eines seiner Romane steht, die den Namen des hübschen Provinzstädtchens im Titel trägt: „Ein Hotel in Darlowo“. Nun, wenn ich das Buch jemals gelesen hätte, hätte ich es als Reiseführer nutzen können. Es kam aber andersherum. Ich schaute mir Darłowo an und las anschließend den Roman, der von keinem Geringeren als Leopold Tyrmand geschrieben wurde.

Blick von der Burg auf die Stadt (mit dem einstigen Hotel). Fot.: Markus Krzoska

Die Handlung des Romans, der im Original „Siedem dalekich rejsów“ heißt, spielt im März 1949. Dennoch sind seine wichtigsten Schauplätze im heutigen Stadtbild Darłowos problemlos zu erkennen: das zweifelhafte Hotel unterhalb der alten Burg und die malerische Gertrudkapelle mit dem sie umgebenden Friedhof, der großflächige Marktplatz und das Schloss Erik von Pommerns selbst, des einstigen Herzogs von Pommerns und Königs von Dänemark und Schweden im 15. Jahrhundert, dessen verschollenes Triptychon wie in einem Krimi im Mittelpunkt der Handlung steht. Interessant ist, dass das zweite, den Ort prägende Gebäude, die gotische Marienkirche, überhaupt nicht in Erscheinung tritt. Komplett verschwunden ist die düstere Fischerromantik und das dazugehörige Halbweltmilieu der Spelunken und engen Gässchen.

Auch wenn es sich nicht um große Literatur handelt, kann man den Roman – trotz der aus heutiger Sicht hoffnungslos veralteten Übersetzung Oskar Jan Tauschinskis – aus verschiedenen Perspektiven gewinnbringend lesen: als Sittengeschichte der frühen Volksrepublik zu einem Zeitpunkt, als die letzten Formen privaten Wirtschaftens zerschlagen werden und auch die unmittelbare Nachkriegszeit mit ihren illegalen Geschäften der Schmuggler und szabrownicy (Plünderer) wie der Hauptfigur Nowak an einen Endpunkt geraten ist, oder als Studie der Geschlechterunterschiede mit den größtenteils unausgesprochenen Sehnsüchten der beiden Protagonisten Nowak und Ewa, einer aufstrebenden jungen Kunsthistorikerin aus Warschau, die die moderne, selbständige Frau verkörpert, der Nowak letztlich nicht gewachsen ist. Am Ende scheitern auch alle Beteiligten auf irgendeine Weise, aber dies geschieht nicht auf dramatische, sondern eher larmoyant-melancholische Weise. Im Grunde zeichnet sich die Beschreibung der beiden zentralen Charaktere allerdings nicht durch besondere psychologische Tiefe aus, ihre Dialoge klingen seltsam verquast.

Es ist verständlich, dass die polnische Zensur der späten 1950er Jahre, als das Buch entstand, das Erscheinen wegen der Kritik an der kommunistischen Herrschaft verhinderte (es kam in polnischer Sprache erst 1975 in London heraus). Das gleichfalls angeführte Argument der Pornographie ist nicht nachvollziehbar. Gleichwohl ist es erstaunlich, dass nur kurz danach Elemente des Romans in Polen verfilmt wurden und Tyrmand dazu das Drehbuch schrieb. Unter der Regie von Jan Rybkowski spielten 1963 Andrzej Łapicki und Beata Tyszkiewicz, zwei große Namen des polnischen Films, in „Naprawdę wczoraj“, die beiden Helden des Romans, die sich nach Jahren wieder treffen und aus unterschiedlichen Perspektiven auf die damaligen Ereignisse zurückblicken.

Das Darłowo von heute ist Kulisse der üblichen Mittelalterinszenierungen, im nur wenige Kilometer nördlich gelegenen Ortsteil Darłówko versucht man, die Küstennähe etwas hilflos touristisch zu nutzen, kann dabei aber kaum mit den nahegelegenen Orten wie Ustka (Stolpmünde) konkurrieren. An das deutsche Rügenwalde erinnern im Grunde nur noch einige Gräber rund um die alte Marienkirche und ein schlichtes Holzkreuz, das zweisprachig aller toten Einwohner des Städtchens gedenkt. Das Verruchte ist dagegen komplett verschwunden. Man kann sich nicht mehr vorstellen, wie sich die Seeleute aus dem In- und Ausland unter den roten Laternen vergnügten. Der Friedhof, der im Roman als matschige Schlammwüste, geplündert und verfallen, beschrieben wird, sieht heute aus wie jeder andere aus Stein und Kerzen bestehende polnische Dorffriedhof. Das Idyll scheint also gesiegt zu haben, aber vielleicht müsste man nur hinter die Fassaden mancher Häuser aus der Nachkriegszeit schauen können, um das Dubiose, Vierschrötige wiederzufinden, das Tyrmand so treffend beschrieben hat, in der Gestalt der alten Pensionswirtin, der jungen Prostituierten, des ständig betrunkenen Konditors oder des opportunistischen Hafendirektors.

Vermutlich wäre das Buch auch kein Erfolg geworden, wenn es in Polen hätte erscheinen können. Umso erstaunlicher ist es, dass der Ullstein Verlag eine deutsche Ausgabe verantwortete. Ihr war ein kleiner Zettel beigelegt, auf dem um Verständnis dafür gebeten wurde, dass die polnischen, und nicht die deutschen Ortsnamen verwendet wurden. Vermutlich war das Erscheinen eine Folge der recht positiven Reaktionen auf Tyrmands ähnlich gestrickten Kriminalroman „Der Böse“ von 1958 (dessen Held übrigens auch „Nowak“ hieß). Tyrmand, der später in die USA emigrierte und dort 1985 starb, blieb ein Geheimtipp, obgleich man aus heutiger Perspektive sagen muss, dass seine Beschreibungen der Volksrepublik Polen und seine Milieustudien doch wesentlich interessanter zu lesen sind als die anderer einst prominenter Schriftsteller. Dies gilt leider nicht für seine Zeichnungen der Charaktere.

Nun, da man ihn auf eine Bank gesetzt und national kanonisiert hat, ist Tyrmand auch nicht mehr weiter gefährlich. Der Dandy und Jazzliebhaber lockt vermutlich auch keine Touristen nach Darłowo, aber er löst bei manchen von ihnen vielleicht doch einen Überraschungseffekt aus und motiviert zum Lesen seines weitgehend vergessenen Pommernromans.

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Markus Krzoska

Historiker und Übersetzer. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf der Geschichte Polens sowie allgemein der Stadt-, Religions- und Historiographiegeschichte.

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