Änderung von Innen. Initiativen der Minsker Zivilgesellschaft

Belarus gilt als Europas letzte Diktatur. Doch auch in diesem postsowjetischen Staat gibt es Menschen, die das Land von innen heraus verändern: Indem sie die Machthaber öffentlich kritisieren, sich für die Reduzierung des Plastikabfalls einsetzen und gemeinsam mit den Anwohnern den öffentlichen Raum umgestalten.

 

Bei einem Spaziergang entlang des Unabhängigkeitsprospekts (Praspjekt Nesaleschnaszi), der Hauptstraße von Minsk, fühlt man sich geradewegs in die Sowjetunion zurückversetzt. Die in den 1950er Jahren erbaute Prachtstraße ist fünfzehn Kilometer lang, sehr weiträumig und von stalinistischer Architektur gesäumt. Doch sollte sich der Besucher nicht vom ersten Eindruck täuschen lassen. Ein fünfzehnminütiger Fußweg vom Stadtzentrum zur Kastrytschnizkaja-Straße versetzt den Besucher in ein völlig anderes Minsk: Eins, in dem die Häuser mit Graffiti besprüht sind, in dem es Fastfood-Restaurants und Kneipen wie in Berlin gibt. Auch wenn das zuerst nicht so in den Blick fällt, hat sich Minsk doch in der jüngsten Zeit sehr verändert, und viele dieser Veränderungen sind das Werk engagierter Einwohner.

 

Die Torba-Show: Mode im Kampf gegen Plastikbeutel

Die Verwandlung der Stadt ist auch in kleinsten Details sichtbar. Beispielsweise kannte der durchschnittliche Einwohner von Minsk noch vor fünf Jahren Kaffee zum Mitnehmen nur aus amerikanischen Filmen. Jetzt ist er an jeder Straßenecke zu haben. Während sich überall Restaurants und Snackbuden niedergelassen haben, erlebt die Stadt auch einen Boom neuer Lokalinitiativen aus der Gesellschaft. Viele davon verdanken ihre Entstehung dem Sozialwochenende – dem ersten belarussischen Wettbewerb für soziale Projekte, der seit 2013 zweimal jährlich stattfindet.

 

Die Preisträger des Sozialwochenendes, lokale soziale, ökologische, städtische und inklusive Initiativen, erhalten Beratung durch Fachleute und finanzielle Unterstützung, um ihre Ideen umsetzen zu können. Einer der Sieger des letztjährigen Wettbewerbs war ein Projekt namens „Torba-Show“ [belaruss. torba, pl. torby, Beutel, Tasche; Anm. d. Übers.], das den exzessiven Verbrauch von Plastikbeuteln bekämpfen will. Seine Hauptwaffe ist die Mode.

 

Das Problem kann jeder sehen, der jemals in Belarus in einem Lebensmittelgeschäft war: Unmengen an Plastikbeuteln werden kostenlos an die Kunden ausgegeben. Wie in vielen anderen postsowjetischen Ländern ist auch in Belarus das ökologische Bewusstsein noch sehr wenig entwickelt, ob es um Recycling, Plastikverbrauch oder Luftverschmutzung geht. Daher spielen lokale Umweltschutzinitiativen eine große Rolle.

Die Idee für die Torba-Show hatte die frühere Rundfunkjournalistin Sascha Kulbizkaja, die eine Ausbildung bei Ecostart machte, einem Umweltschutzzentrum für Jugendliche. „Das Beeindruckendste, was mir damals passierte, und vielleicht überhaupt das Beeindruckendste in meinem ganzen Leben war ein Ausflug zu einer Mülldeponie“, erinnert sich Sascha. „An diesem Friedhof des Abfalls wurde mir klar, dass die unnötigsten Sachen, die wir gerade einmal fünf Minuten lang benutzen, wie Plastikbecher oder Plastikhalme, dort eine sehr lange Zeit überdauern werden. Das machte mir richtig Angst.“

 

Auch auf die Plastikbeutel wurde sie aufmerksam. „Ein Plastikbeutel ist ein ganz einfaches und albernes Ding, sehr nutzlos, aber niemand spricht davon, wie sehr er unserer Umwelt schadet,“ sagt Sascha. Gemeinsam mit ihrer Freundin Katja, einer PR-Spezialistin und talentierten Schneiderin, möchte sie eine Alternative zum Plastikbeutel anbieten: torba – ein leicht mit auf den Weg zu nehmender Beutel aus Baumwolle, der zu einem modischen Artikel eines jeden modernen Bürgers von Minsk geworden ist.

 

Die beiden jungen Frauen veranstalten Workshops, um Menschen beizubringen, wie sie ihre eigenen Beutel machen können, und bei denen über verschiedene Umweltprobleme diskutiert wird. Der erste Workshop fand im Dezember 2016 statt. Damals glaubten sie nicht, dass ihre Idee auf so großes Interesse stoßen würde. „Wir waren völlig überrascht, als doppelt sich so viele Leute für unseren zweiten Workshop anmeldeten“, sagt Katja. „Deshalb mussten wir einen dritten abhalten usw…“. Die Workshops bringen stets ganz unterschiedliche Menschen zusammen, auch Senioren und Männer nehmen teil.

 

Vor allem wollen Sascha und Katja erst einmal bei ihrem Projekt Design und Mode herausstellen, um aus der Ökonische wegzukommen. Mit einem schick designten Stoffartikel möchten sie zeigen, dass so ein Plastikbeutel gar nicht mehr cool ist. In den letzten Monaten ist die Torba-Show auf Reisen gegangen, um in beinahe jeder Stadt der Minsker Region weitere Workshops abzuhalten. Neben den regelmäßig alle zwei Monate stattfindenden Workshops produzieren Katja und Sascha ihre torby in begrenzter Stückzahl auf Bestellung. Im März machten sie 500 Stoffbeutel für die internationale TEDx-Konferenz in Minsk; seither sind viele weitere Bestellungen eingegangen. Allerdings ist es kaum möglich, solche Stückzahlen von Hand zu fertigen, daher haben die beiden Frauen einen inklusiven Hersteller zur Unterstützung gefunden.

 

Es bleibt für sie schwierig, ihr Projekt finanziell tragfähig zu machen, denn nur dann kann Veränderung im größeren Maßstab erreicht werden. Außerdem träumen sie von einem „Null-Abfall“-Laden in Minsk, in dem es keine Plastikbeutel gibt. Und natürlich von Minskern, die torby über der Schulter tragen.

 

Motolko, komm uns helfen!

Während das Zentrum von Minsk sauber und saniert ist, werden zu den Außenbezirken hin typische Großstadtprobleme immer sichtbarer: Schlaglöcher, wildes Parken, fehlende Fußgängerüberwege und Gebäude in schlechtem Zustand. Diese Probleme wären eigentlich Sache der zuständigen Stadtteilverwaltungen, aber meist geschieht nichts, solange niemand schriftliche Beschwerde einreicht. Unter allen Minsker Bürgern ist darin Anton Motolko unübertroffen.

 

Anton wurde als Fotograf und Blogger zur Berühmtheit, nachdem er Aufnahmen von zwei einschneidenden Ereignissen in der belarussischen Hauptstadt gemacht hatte: von dem Terrorangriff auf die U-Bahn im April 2011 und den Protesten vom Mai bis August 2011. Er verkaufte die Bilder an Nachrichtenagenturen und veröffentlichte sie in seinem Blog, der 900.000 Klicks im Monat erreichte. In dem Moment wurde ihm klar, man kann eine Diskussion auf den Weg bringen und Änderungen beginnen, allein indem man Bilder online stellt.

 

Sieben Jahre danach lebt Anton immer noch vom Fotografieren, aber die meiste Zeit verwendet er darauf, Leute beim Umgang mit den Behörden zu unterstützen, um ihr Leben ein klein wenig besser zu machen. „Ich möchte den Leuten ein Beispiel geben, dass jeder, der nur will, Dinge um sich herum verändern kann,“ erläutert er. Bürger von Belarus beschweren sich zuhause oder bei Facebook, werden aber selten aktiv. Doch in den letzten Jahren ist es einfacher geworden, Beschwerde bei den Lokalbehörden einzureichen: Ein Gesetz von 2011 hat die Möglichkeit eröffnet, dies online zu tun.

 

„Wieso sollte man nicht bei Facebook über seine Gefühle schreiben und außerdem noch eine offizielle Beschwerde einreichen können? Das geht doch ganz einfach per copy and paste“, wundert sich Anton. Ihm ist aber aufgefallen, dass immer mehr Leute den Beschwerdeweg tatsächlich gehen. Seiner Meinung nach könnten achtzig Prozent aller Probleme per einfacher Anfrage gelöst werden.

 

Anton fasst alle seine sozialen Aktivitätn auf seiner Website „Motolko, komm mir helfen!“ zusammen. Der Name ist Kitsch, aber doch ein Aufruf, aktiv zu werden, erklärt er. Er glaubt, Belarussen wünschten sich immer jemanden, der die Führung übernimmt und ihnen sagt, was zu tun ist, ob dies nun Präsident Aljaksandr Ljukaschenka oder historische Gestalten wie Konstanty Kalinowski oder Tadeusz Kościuszko sind. „Natürlich kann Motolko nicht jedem zur Hilfe kommen, aber er kann Ratschläge geben, und wenn du das umsetzt und immer noch nicht zum Ergebnis kommst… dann können wir weiterreden“, sagt er mit einem Lächeln.

 

Per Formular auf seiner Website können Mitbürger ihm eine Nachricht mit Bitte um ein Beratungsgespräch senden. Anton bekommt aber die meisten Anfragen über die sozialen Medien. Die Probleme reichen vom Lokalbudget über Entwaldung bis zu großen Industriebauten. Was Anton in seiner Freizeit kostenlos tut, wäre normalerweise Aufgabe der Öffentlichkeitskammer des Bürgermeisteramtes. Damit die Behörden diese Aufgabe aber auch tatsächlich erfüllen, sind Anton zufolge enorme Änderungen in ihrer Arbeitsweise erforderlich: Die Stadtverwaltung müsste online gehen und sich auch wirklich um die Beschwerden der Bürger kümmern.

 

Anton hat einmal seine Dienste dem Minsker Exekutivkomitee angeboten, ist dort aber auf keine Gegenliebe gestoßen. Mit seinem Namen und seiner Sachkunde hätte Anton selbst in die Politik gehen können, aber daran hat er kein Interesse. „Es ist einfacher, die Dinge von außerhalb des Systems zu verändern als von innerhalb“, sagt er. Er hat vor, seine Tätigkeit in Richtung auf Sozialverantwortung der Unternehmen (corporate social responsibility) weiterzuentwickeln, um Firmen beraten zu können, zum Nutzen der Leute zu arbeiten, daraus aber auch einen bezahlten Vollzeitjob zu machen. „Wir leben in einer Zeit der Liberalisierung in Belarus, und wir müssen den Augenblick nutzen, denn wer weiß, wann es für Aktivisten wieder schwierig werden wird“, sagt Anton.

 

Neuerfindung einer Stadt

Anton ist jemand, der erklären kann, wie die Stadtbehörden dazu zu bringen sind, ihre Arbeit zu machen. Dann gibt es noch die schlauen Enthusiasten von der Minsker Stadtplattform, die eine Lektion erteilen können, wie der eigene öffentliche Raum neu zu erfinden sei. Ganz egal an welchem Projekt sie gerade arbeiten – sei es die Neuorganisation öffentlicher Höfe, die Einrichtung neuer Spielplätze oder Bildungsveranstaltungen wie offene Vorträge und Stadtworkshops – ihr Ziel ist klar: die Ortsansässigen zu mobilisieren und sie darüber nachdenken zu lassen, wie die Stadt ihrer Meinung nach sein sollte.

 

Andrej und Nadeschda, die beide für die Plattform arbeiten, bezeichnen das mit dem sehr wissenschaftlich klingenden Ausdruck „partizipatorischer Urbanismus“. Dieser Ansatz will einzelne Bürger dazu bewegen, im Umgang mit der Stadt im Allgemeinen und ihrer Nachbarschaft im Besonderen aktiv zu werden. Die Plattform kann inzwischen eine ganze Anzahl von erfolgreich abgeschlossenen Projekten vorweisen, die von den Ortsansässigen selbst fortgeführt werden. Doch bei aller praktischen Tätigkeit will die Plattform auch ihre Bildungsaktivitäten ausweiten.

 

„Ich war dabei, meinen Master in kritischer Stadtforschung an der Europäischen Humanistischen Universität Vilnius zu machen, als ich auf einem Minsker Architektenforum eine Gruppe von Architekturstudenten kennenlernte. Wir hielten es für eine tolle Idee, Soziologie und Architektur zusammenzubringen, und daraus ist dann die Plattform entstanden“, sagt Andrej. Die Organisatoren begannen mit Vorträgen und Diskussionen, um eine interdisziplinäre Wissensbasis aufzubauen. Alle Materialien sind jetzt auf der Plattform frei zugänglich.

 

Nadeschda schloss sich dem Team an, als sie bereits das erste Stadium eines Mitmachprojekts in dem Minsker Industriebezirk Autosawod leitete. Damals verlagerten sich die reinen Bildungsaktivitäten der Plattform mehr auf die Praxisanwendung von Fachwissen. Autosawod eröffnete eine Serie „alternativer Hinterhofprojekte“, mit dem Ergebnis, dass unter Beteiligung Minsker Bürger mehrere öffentliche Höfe gründlich umgestaltet wurden.

 

Einmal abgesehen vom offenkundigen Mangel an Mitwirkung seitens der Lokalbehörden – ein in postsowjetischen Ländern verbreitetes Phänomen – ist die Plattform bei der Arbeit mit den Ortsansässigen auf noch größere Probleme gestoßen: „Das völlige Misstrauen der Bürger“, sagt Nadeschda. „Wenn wir mit einem neuen Projekt anfangen, schöpfen die Leute immer Verdacht. Und um sie einzubeziehen, müssen wir zuerst ihr Vertrauen gewinnen, indem wir für unsere Ideen über die aktivsten Leute aus der Nachbarschaft und natürlich über die Medien Werbung machen.“

 

Nadeschda und Andrej denken auch, dieses Misstrauen gehe mit der Unfähigkeit einher, miteinander zu sprechen und anderen zuzuhören. „Leute kennen es nicht, dass man auf ihre Meinung hört“, erklärt Andrej. „Besonders, wenn es direkt um ihr Wohnviertel geht. Deshalb wissen sie nicht, wie man eine fruchtbare Diskussion zu einem Kompromiss bringt.“ Nadeschda führt das auf die traditionelle Erziehung zurück. „Wir bekommen beigebracht, nicht zu denken und unsere Meinung zu äußern. Noch darüber nachzudenken, was um uns herum geschieht.“

 

Andrej und Nadeschda nach ist den Belarussen immer noch nicht bewusst, dass ihre Wohnviertel und viele andere Dinge ihres Alltags ganz anders aussehen könnten, und dies könnte der Hauptgrund sein, dass sie sich immer noch nicht aktiv für Veränderungen einsetzen. Trotz der Schwierigkeiten, denen die Plattform begegnet, ist sie bereits darüber hinaus, allein für gutgeplante Parks und benutzbare Sitzbänke einzutreten. Ihr Endziel ist es, die Stadtbewohner dazu zu bringen, ihre Stadt zu lieben, indem sie ihnen zeigt, wie daraus ein wohnlicherer Ort für das Zusammenleben gemacht werden kann.

 

 

Aus dem Englischen von Andreas R. Hofmann

 

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Natalia Smolentceva und Varvara Morozova

Natalia Smolentceva ist freiberufliche Journalistin und lebt in Deutschland. Sie hat einen Master in globaler Kommunikation und internationalem Journalismus und ist gegenwärtig Trainee bei der Deutschen Welle. Varvara Morozova ist freiberufliche Journalistin und wohnt in Berlin. Sie ist Co-Managerin des Voices of Change-Projekts, das Geschichten junger Menschen aus den gefährdeten Demokratien in Osteuropa vermitteln möchte.

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