Der Vernichtungskrieg begann bereits 1939 in Polen – ein Denkmal in Berlin soll daran erinnern

Interview mit Prof. Dr. Dieter Bingen und Emilie Mansfeld vom Deutschen Polen-Institut.

 

Der im November 2017 veröffentlichte Aufruf „An den Deutschen Bundestag und die deutsche Öffentlichkeit“ zur Errichtung eines Denkmals für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945 hat mittlerweile zahlreiche Unterstützer mobilisiert, darunter namhafte Personen aus Politik, Kultur und Zivilgesellschaft. Wo steht die Initiative heute?

Dieter Bingen: Wir sind in den zurückliegenden Monaten bereits ziemlich weit vorangekommen. Das vor allem, wenn man berücksichtigt, dass der Vorschlag, den polnischen Opfern der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg in der Mitte Berlins ein Denkmal zu widmen, erstmals im Jahr 2007 in die öffentliche Diskussion gebracht wurde, und es danach recht still blieb. Der Vorsitzende der DPG in Franken, Froben Schulz sprach damals – 2007 – in seiner Festrede zum 30-jährigen Bestehen der Gesellschaft in Nürnberg von einer Leerstelle in Berlin, die zu füllen sei. Zwei Jahre später warb der leidenschaftliche polnische Verfechter einer Verständigung mit Deutschland, Władysław Bartoszewski, in Berlin für ein Denkmal. Nach einer kurzen Befassung mit dem Thema verlief diese polnische Initiative im Sande. Es sollten Jahre ins Land gehen, bis im Sommer 2017 der ehemalige Präsident des Bundesamts für Bauwesens Florian Mausbach die Initiative zur Errichtung eines sogenannten Polendenkmals ergriff. Mausbach ist nicht nur ein renommierter Stadtplaner, sondern ist auch Vater eines Sohnes, der sich in Polen und in eine Polin verliebte und ihn darauf aufmerksam machte, dass nach Meinung vieler, gerade auch jüngerer Polen, in Berlin etwas fehle und nicht nur in Berlin, sondern auch im historischen Wissen der meisten Deutschen.

Bis Herbst vergangenen Jahres gelang es Florian Mausbach, eine erkleckliche Zahl von Unterstützern der Idee, ein Polendenkmal in der Mitte Berlins zu errichten, zu versammeln – nicht nur die ehemaligen Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth und Wolfgang Thierse, den Direktor der Topographie des Terrors, Andreas Nachama und den Direktor des Deutschen Polen-Instituts, die den Aufruf am 15. November 2017 in der Berliner Bundespressekonferenz vorstellten. Bis heute ist die Unterzeichnerliste von ehemals über 70 auf mehr als 110 hervorragende Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kirchen, Kultur und Bürgergesellschaft angewachsen.

Emilie Mansfeld: In den zurückliegenden Monaten haben wir zahlreiche Gespräche im parlamentarischen Raum geführt, um über das Anliegen zu informieren und für dieses zu werben, ebenso beim Berliner Senat. Auch erhält man seit dem Sommer bei Interesse mehr Einblick in die Arbeit der Polendenkmal-Initiative: Wir laden dazu ein, sich selbst durch einen Besuch der Internetseite „www.polendenkmal.de“ ein Bild zu machen. Dort dokumentieren wir auch das bemerkenswerte Echo auf den Aufruf in deutschen und polnischen Print- und elektronischen Medien.

© Zygmnut Januszewski

Das geplante Denkmal soll am Askanischen Platz entstehen, direkt gegenüber dem Deutschlandhaus, wo sich künftig das Dokumentationszentrum der Bundesstiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ befinden wird. Soll damit ein klares Zeichen gesetzt werden, dass an die Vertreibung der deutschen Bevölkerung nach dem Krieg nur in Zusammenhang mit der deutschen Politik im besetzten Polen erinnert werden sollte? Befürchten Sie Widerstand seitens der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnungund der Vertriebenenverbände?

Dieter Bingen: Die Zeit ist reif, aus alten Schützengräben herauszutreten und uns auch innergesellschaftlich die Hand zu reichen in gemeinsamer Erinnerung nach dem biblischen Motto: Nichts hinzufügen und nichts weglassen.  Wir sehen das Denkmal an diesem Ort also integrativ und nicht als Kontrapunkt. Deshalb suchen wir nicht nur Verständnis, sondern womöglich auch Sympathie und Unterstützung für unser Projekt. Florian Mausbach hat den Askanischen Platz vor der Ruine des Anhalter Bahnhofs als besonders geeigneten Ort für das Denkmal vorgeschlagen. Er liegt in der Mitte Berlins nahe zum politischen Zentrum der Hauptstadt, vor allem aber in der Nachbarschaft des Holocaust-Mahnmals, der Topographie des Terrors, auch des Sowjetischen Ehrenmals und unmittelbar gegenüber der im Entstehen begriffenen Ausstellung der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Wir sehen das Potenzial dieses Ortes als sinnlich eindrucksvolle visuelle Kontextualisierung der unterschiedlichen Formen der von Deutschland ausgegangenen Menschheitsverbrechen der 1930er und 40er Jahre. Dazu gehörten beispielsweise schon am Anfang des Zweiten Weltkriegs Zwangsumsiedlungen von sog. Volksdeutschen durch das NS-Regime. Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler war persönlich davon betroffen.

Emilie Mansfeld: Die eindrucksvolle Ruine des Anhalter Bahnhofs erinnert auch daran, dass hier im November 1940 Reichsaußenminister von Ribbentrop seinen sowjetischen Kollegen und Spießgesellen Molotow mit militärischen Ehren empfing, mit dem er 15 Monate zuvor im Auftrag der beiden Diktatoren über die Zerstörung und Teilung der Zweiten Polnischen Republik verhandelt hatte.

In dem erwähnten Aufruf heißt es u.a., dass eine deutsch-polnische Aussöhnung noch nicht die gleiche Qualität erreicht habe, wie die deutsch-französische. Woran liegt das?

Dieter Bingen: Die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen ist mit dem Verlauf der deutsch-französischen kaum vergleichbar. Vor allem seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat sich eine tragische Verfeindung im Verhältnis zwischen Preußen, Deutschen und Polen entwickelt, die es trotz der sog. Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen nie gegeben hat. Die östlichen Nachbarn Frankreichs, die deutschen Fürstentümer, versuchten die bewunderte französische Kultur teilweise nachzuahmen. Die polnische Rzeczpospolita wurde dagegen von Preußen im Verein mit Österreich und Russland von der Landkarte gefegt. 123 Jahre gab es keinen polnischen Staat. Mit der Wiederherstellung polnischer Staatlichkeit konnte sich die politische Klasse der Weimarer Republik nur mit Mühen abfinden.

Am 1.9.1939 erklärte NS-Deutschland Polen einen Vernichtungskrieg. Auch Frankreich wurde überfallen und besetzt, aber das Besatzungsregime war nicht vergleichbar mit dem im Osten. Kollaboration waren im besetzten Polen viel engere Grenzen gesetzt als in Frankreich. Die Ausrottung der Eliten, des Klerus, die industriell „perfektionierte“ Judenvernichtung auf dem ehemaligen polnischen Staatsgebiet standen auf dem deutschen Plan.

Luftangriff auf Wieluń am 1. September 1939

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab es als Folge des Vorhergegangenen Grenzverschiebung, millionenfache Flucht und Vertreibung aus dem Osten, westdeutschen Grenzrevisionismus, den Eisernen Vorhang, zwei deutsche Staaten und antideutsche Propaganda in Polen. Eine Annäherung der Menschen auf zivilgesellschaftlicher, kultureller, künstlerischer und kirchlicher Ebene entwickelte sich zwischen Deutschen und Polen viel langsamer und später als mit Frankreich. Ja, Verständigungsarbeit und Versöhnungsgesten gab es schon recht früh – etwa die EKD-Denkschrift, der Versöhnungsbrief der polnischen Bischöfe –, aber alles verlief viel zäher. Es gab keine offenen Gesellschaften, dafür scharf bewachte Grenzen. Traditionelles deutsches Überlegenheitsgefühl und polnische Komplexe, das alles half nicht, eine Verständigung aufzubauen. Moskau wollte verhindern, dass es zu einer dauerhaften Verständigung zwischen Deutschen und Polen kam.

Umso bemerkenswerter erscheint daher alles, was seit den 1980er Jahren aufgebaut wurde. Das gilt es, zu bewahren und weiterzuentwickeln, weil es teilweise schon wieder in Gefahr gerät, unter die Räder einer feindbildbestimmen Politik zu geraten. Das alles ist Deutschen und Franzosen erspart geblieben.

Auf polnischer Seite ist oft die Meinung anzutreffen, die Welt wisse nicht viel über Polen, insbesondere über seine traumatischen Erfahrungen im 20. Jahrhundert. Wie schätzen Sie den Wissensstand der deutschen Gesellschaft über die Besetzung Polens 1939-1945 ein? Werden historische Ereignisse, etwa der Jahrestag des Warschauer Aufstandes, ein zentraler Gedenktag in Polen, in Deutschland überhaupt wahrgenommen?

Emilie Mansfeld: Ich denke, das ist nicht nur ein subjektiver Eindruck, den die Polen haben, sondern das stimmt schon auch – leider. Von daher rühren viele Missverständnisse zwischen Deutschen und Polen bis in die heutige Zeit und auch eine hohe Sensibilität auf polnischer Seite, die von immer noch zu vielen Deutschen nicht verstanden oder als paranoid wahrgenommen wird, was dann wieder in Polen für schlechte Stimmung sorgt und das Gefühl des Unverstandenseins sowie antideutsche Vorurteile festigt. Ein Teufelskreis, den man von der deutschen Seite nur mit Empathie und eben mit mehr Geschichtsbewusstsein durchbrechen kann. Eine Herausforderung, die anzunehmen sich auch das Deutsche Polen-Institut verpflichtet fühlt.

Massaker von Piaśnica (1939)

Dieter Bingen: Schließlich ist diese Leerstelle im deutschen kollektiven Gedächtnis der Anlass gewesen, die Initiative zu ergreifen und darauf hinzuweisen, dass diesem Nichtwissen entgegen-zusteuern sei. Es ist für uns wichtig, nicht nur ein Denkmal zu setzen. Ein Denkmal ist nur eine symbolische Verdichtung und Materialisierung dessen, was eigentlich dahinter steht: Nämlich dass wir Deutsche ein Wissen darüber haben und es verstanden haben, dass es mit dem 1. September 1939 nicht nur um den nächsten Akt in der Politik der Vernichtung der europäischen Juden im Osten, beginnend in Polen, ging, sondern ebenso um die Ausrottung der polnischen Eliten und die Erniedrigung, Versklavung und Dezimierung der polnischen Zivilbevölkerung. Diese Ungeheuerlichkeit, der Holocaust, aber auch die versuchte Eliten-ausrottung in Polen, war ein Zivilisationsbruch, der eine ganz andere Qualität hatte als die traditionelle antipolnische Politik der Generationen davor. Die Gewaltpolitik gegen die polnische Zivilbevölkerung, die schon unmittelbar nach dem Überfall im September 1939 begann, ist in Deutschland ein weißer Flecken des Nichtwissens oder der Verdrängung. Und das stößt in Polen, wie Emilie Mansfeld treffend ausführte, zu einer gewissen Verbitterung, dem Gefühl des Unverstandenseins. Das ist nicht gut für beide Seiten, es durchbricht nicht die traditionelle deutsche Überheblichkeit gegenüber den Polen und es belebt polnische Komplexe.

Diese recht ernüchternde Bestandsaufnahme im Detail will und kann natürlich nicht das in den Hintergrund schieben, was im letzten halben Jahrhundert erreicht worden ist und was auch eine bemerkenswerte deutsche Leistung von Gewissenserforschung war. Auch ist der Warschauer Aufstand in Deutschland etwas weiter bekannt geworden und kann heute eher vom Gettoaufstand 1943 unterschieden werden, als dies bis vor kurzem noch der Fall war. Es fehlt aber noch im übertragenen Sinne das Tüpfelchen auf dem i. Das würde uns Deutsche wirklich frei machen gegenüber unserem polnischen Nachbarn, mit dem wir seit immerhin seit 1000 Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft leben, intensiver als mit jedem anderen unmittelbaren und indirekten Nachbarn im Westen und Osten.

Nur am Rande: Bei der unter Fachleuten weitverbreiteten Klage bezüglich des Nichtwissens über polnische Geschichte und Zeitgeschichte sollte man aber berücksichtigen, dass es um das Allgemeinwissen über deutsche Geschichte und die Geschichte Frankreichs oder anderer Nachbarn nur etwas besser bestellt ist.

Welche Unterstützung erfährt die Denkmal-Initiative von polnischer Seite? Wie äußert sich diese?

Emilie Mansfeld: In Polen traf der Aufruf auf positives Interesse und Zuspruch bei Politikern und Medien in beiden großen politischen Lagern. Vor Jahren hatte bereits Władysław Bartoszewski als Deutschlandbeauftragter von Ministerpräsident Donald Tusk für ein solches Denkmal geworben. Im Herbst 2017 hat sich der Kabinettschef des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda, Krzysztof Szczerski, und im Frühjahr 2018 die Koordinatorin für die deutsch-polnischen Beziehungen, Renata Szczęch, für ein solches Denkmal ausgesprochen.

Unsere Initiative wird auch von den Mitgliedern der Polnisch-Deutschen Parlamentariergruppe in Sejm und Senat fraktionsübergreifend begrüßt. Die Akademischen Bürgerklubs „Lech Kaczyński“ [nach dem im Flugzeugunglück von Smolensk 2010 ums Leben gekommenen polnischen Staatspräsident Lech Kaczyński benannt. Anm. d. Redaktion], die in polnischen Großstädten tätig sind, haben schon im April eine entsprechende Erklärung verfasst. Beim jüngsten deutsch-polnischem zivilgesellschaftlichen Forum in Berlin hatte sich der polnische Vize-Außenminister Szynkowski vel Sęk vor hunderten von Gästen sehr nachdrücklich unterstützend zugunsten der von unserer Initiative geforderten Errichtung eines Polendenkmals geäußert.

Daran sieht man übrigens auch, dass das Thema weltanschaulich konträr aufgestellte Polen gleichermaßen umgetrieben hat und bis heute umtreibt. Es vereint die Polen einfach mehr, als dass es spaltet. Da aber das Thema in Polen nicht kontrovers ist und der Grad zivilgesellschaftlicher Aktivierung in Polen geringer ist als in Deutschland, bleibt die an sich vorhandene Unterstützung für eine deutsche Initiative auch viel weniger bemerkbar.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Initiative in Polen politisch vereinnahmt wird? Immerhin zählt die Geschichtspolitik zu den Kernthemen der aktuellen polnischen Regierung…

Emilie Mansfeld: Ausschließen kann man natürlich nicht, dass es hier und da entsprechende Versuche gibt. Dagegen spricht, dass es sich um keine „Heldengeschichte“ handelt, sondern wir ja gerade die polnischen Opfer und die deutsche Aufarbeitung der eigenen Schuld an den Polen fokussieren wollen. Ich denke, das Thema ist den Polen für eine billige „Kaperung“ der Initiative zu wichtig und zu ernst. So ein Denkmal in Deutschland fehlt den polnischen Bürgerinnen und Bürgern allzu sehr – die polnische Öffentlichkeit verfolgt das Thema daher sehr genau und fände eine parteipolitische Instrumentalisierung sicher nicht so gut.

Was mir aber wichtiger erscheint: Wenn man eine Umfrage bei den Polen machen würde, so würde garantiert eine große Mehrheit der Polen ein solches Denkmal befürworten. Und ich meine, das ist unabhängig davon, ob links oder rechts, ob alt oder jung. Als Person, die aus Polen stammt und die heute in Polen Familie und Freunde hat, weiß ich, dass ich darauf zählen kann, dass die Botschaft des Denkmals intuitiv von unseren polnischen Nachbarn verstanden wird. Daher bin ich davon überzeugt, dass sie am Ende zur deutsch-polnischen Versöhnung beiträgt.

Es wäre ein Zeichen der Empathie, dass man in Deutschland durch ein Denkmal verbildlicht, dass man das Leid der Polen emotional verstanden hat und man es in der deutschen Hauptstadt symbolhaft an einem Ort physisch fest hält. Je mehr Deutschland Polen und sein auch heute allgegenwärtiges und verständliches Bedürfnis nach Respekt ernst nimmt, umso weniger kann diese Geschichte – zum Beispiel in Polen – instrumentalisiert werden. So entzieht man den Populisten den Nährboden. Das ist verantwortungsvolle Geschichtsaufarbeitung.

Die Errichtung solch eines Denkmals in der Mitte Berlins bedarf einer breiten politischen Unterstützung. Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein, dass der Bundestag sich für das Projekt ausspricht? Wo sehen Sie potentielle Widerstände (bei welchen Parteien)?

Emilie Mansfeld: Der Aufruf ist insbesondere im Bundestagsausschuss Kultur und Medien, an den der Bundestagspräsident unsere Initiative zuständigkeitshalber verwiesen hat, auf großes Interesse gestoßen. Nach acht Monaten Überzeugungsarbeit sind wir vorsichtig optimistisch. Die im Deutschen Bundestag bisher geführten Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern der unterschiedlichen Fraktionen zeigen uns, dass das Projekt über die Parteigrenzen hinweg Unterstützer findet. Wichtig ist uns, dass der Funke von den „Polenfreunden“, die man ja in erster Linie in der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe findet, auf die für die Behandlung des Aufrufs formell „Zuständigen“ überspringt.

In den für so ein Denkmal zuständigen Bundestagsausschüssen sitzen ja natürlich nicht nur Polenkenner oder der Idee zugeneigte Abgeordnete. Doch wir erleben in unseren Gesprächen, dass durch die guten Argumente das Bewusstsein dafür wächst, dass so ein Denkmal in der gereiften deutschen Erinnerungs- und Kulturlandschaft nötig ist, ja sogar fehlt. Widerstände und Skepsis gibt es, wenn noch kaum Bewusstsein für das Thema des polnischen Leids im Zweiten Weltkrieg vorhanden ist. Dafür gibt es auch viele historisch kundige und für das Anliegen sensibilisierte Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Sie tragen es mit und können weitere Kolleginnen und Kollegen überzeugen. Diesen politischen Prozess begleiten wir in Berlin intensiv.

Die Besetzung Polens 1939-1945 war eine traumatische Erfahrung, doch in der polnischen Erinnerungskultur steht nicht die Opferrolle im Vordergrund, sondern der Widerstand Polens im In- und Ausland. Zentral für die polnische Erinnerung an die Zeit sind ebenfalls die sowjetische Besetzung Ostpolens 1939-1941, der Massenmord von Katyń, der Verrat der Alliierten in Jalta und Potsdam und schließlich die Aufoktroyierung des Sozialismus. Welche Botschaft soll das geplante Denkmal vermitteln? Gibt es bereits ästhetische Überlegungen?

Dieter Bingen:  Die Erinnerung an Opferrolle und Martyrium, an Widerstand und Heldentum im Zweiten Weltkrieg – sie haben in der kollektiven polnischen Wahrnehmung einen gleichberechtigten Platz. In dem Denkmal ginge es um das Gedenken daran, dass das nationalsozialistische Deutschland durch seine Besatzungspolitik den entscheidenden Anteil an dem tragischen Schicksal Polens 1939-1945 hatte. Wir wollen uns Deutsche mit einem sichtbaren Zeichen und mit historischer Bildung daran erinnern, dass die NS-Politik der Zerstörung des polnischen Staates und der Barbarei gegenüber der polnischen Gesellschaft die 1000-jährige Geschichte Polens, geprägt von kultureller, religiöser und ethnischer Vielfalt, gleichsam auslöschen sollte. Es geht um die Würdigung der Geschichte und des Platzes Polens in Europa und in unserem Bewusstsein.

Es gibt noch einen weiteren spezifischen Aspekt, den ein Denkmal freilich nur indirekt würdigen kann, weil es kein alles erklärendes Lexikon ist. Es ist ein Aspekt, der die NS-Politik gegenüber Polen von den anderen ost(mittel)europäischen Besatzungsopfern unterscheidet. Das ist der schwere Ballast auf den Schultern der Polen, den die Nazis eben in das besetzte Polen „ausgelagert“ haben. Es geht um den industriell organisierten Massenmord an den polnischen und europäischen Juden. Die größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager entstanden im besetzten Polen – in der unmittelbaren Nachbarschaft zu Deutschland. Damit wurde ein großer Teil der Last der bis heute andauernden „Bewältigung“ des Holocaust auf polnische Erde übertragen. Mit der Folge, dass aus den nationalsozialistischen deutschen Konzentrationslagern in Polen in internationalen Medien immer wieder, meistens „nur“ als oberflächliches Missverständnis zu „polnischen Konzentrationslagern“ werden. Diese Belastung hat die NS-Politik dem polnischen Nachbarn angetan. Auch darin haftet den deutsch-polnischen Beziehungen etwas Einmaliges, etwas negativ „Exklusives“ an.

Emilie Mansfeld: Wenn es um das Aussehen eines Polendenkmals geht, so enthält sich die Denkmalinitiative einer Empfehlung. Das Denkmal müsste sich natürlich ästhetisch in den konkret vereinbarten Ort einfügen. Wenn sich der Bundestag des Anliegens annehmen wollte, so würde er in einem weiteren Schritt einen künstlerischen Wettbewerb ausrufen, der EU-weit ausgeschrieben werden müsste. Oft dauern diese Auswahlentscheidungen bei Wettbewerben, in denen es um den öffentlichen Raum geht, viel länger als ursprünglich beabsichtigt. Da das Denkmal ausdrücklich allen Bürgern der II. Polnischen Republik gewidmet werden sollte, nicht nur den ethnischen und katholischen Polinnen und Polen, wird es eine große Herausforderung darstellen, die künstlerische Darstellungsform und Symbolik für diese Komplexität dessen zu finden, was 1939 „polnisch“ bedeutete.

Die Denkmal-Initiative hebt Polen als gesonderte Opfergruppe des Zweiten Weltkrieges hervor, was ein bedeutender Schritt ist, um das Verständnis in Deutschland für seinen östlichen Nachbarn zu erweitern. Könnte dies nicht auch andere Opfergruppen dazu veranlassen, einen ähnlichen Weg zu gehen?

Emilie Mansfeld: Das könnte zwar sein, muss aber nicht notwendigerweise so kommen. Selbst wenn es aber so wäre, so ist das noch lange kein Argument, aus Angst vor der Auseinandersetzung mit der Verfolgungsgeschichte unterschiedlicher anderer Opfergruppen von einem Polendenkmal Abstand zu nehmen.

Wir wollen nicht unterschiedliche Opfergruppen gegeneinander ausspielen oder zu weiteren Denkmälern „anstacheln“. Wir werben nur dafür, sich damit aktiv auseinanderzusetzen, warum auch ein Polendenkmal in der deutschen Erinnerungslandschaft neben den in letzter Zeit errichteten Denkmälern für die Opfer der NS-Politik in Berlin – dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma, dem Gedenk- und Informationsort für die Opfer der NS-„Euthanasie“-Morde und dem Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen – einen festen Platz haben sollte in der politischen und historischen Mitte Berlins.

Dieter Bingen: So würde beispielsweise der Vorschlag, der schon 2013 in die Öffentlichkeit getragen wurde, nämlich einen Gedenkort für die Opfer der NS-„Lebensraumpolitik“ im Osten in Berlin zu schaffen, unserem Anliegen, der Opfer der Besatzungspolitik in unserem direkten Nachbarland Polen zu gedenken, nicht gerecht werden. Übrigens war dieser Begriff seinerzeit biologistisch und rassistisch, einfach unerträglich und sollte heute aus unserem Vokabular im Opfergedenken gestrichen werden, denn er beleidigt allein als ständige Wiederholung weiterhin. Nach derselben Logik müsste das Holocaust-Denkmal eigentlich Denkmal für die Opfer der Vernichtung der „lebensunwerten jüdischen Rasse“ heißen. Das würde man ja zurecht auch nicht zulassen.

Damit würde eine Opfergemeinschaft erschaffen, die eine Definition der NS-Ideologie widerspiegelt, also eher die Täterperspektive wiedergibt. Nach unserer Überzeugung würden die östlichen Nachbarn – allen voran, die Polen – es nicht akzeptieren, wenn sie durch eine ungewollte „Lebensraum“-Gemeinschaft bestimmt würden. Zudem übersieht die Formulierung vom deutschen Krieg um „Lebensraum im Osten“, dass Stalin vor dem „Unternehmen Barbarossa“ 1941 Verbündeter Hitlers bei der Teilung und Einverleibung Polens samt Besatzungsterror dort war. Die deutsch-sowjetische Komplizenschaft bei der Zerstörung des polnischen Staates und die Sowjetisierung Polens nach 1945 machen eine gemeinsame Identifikation als slawische Opfergemeinschaft unmöglich.

Aus Gründen historischer Wahrhaftigkeit und aus moralischen Gründen verbietet sich ein Gedenken, das die Perspektive der Opfer nicht respektiert. Die Geste ginge ins Leere. Mehr noch: Sie würde in Polen nicht nur auf Unverständnis, sondern – zurecht – einhellige Ablehnung stoßen von der Linken bis zur Rechten – nicht weil die Polen Nationalisten wären, sondern sich nicht als Kulturnation respektiert fühlen würden. Welchen Sinn hätte ein Denkmal, das von den Nachkommen der Verfolgten, ob Juden, Katholiken, Orthodoxen, Protestanten, nicht verstanden werden kann und wenn wir uns sagen lassen müssten: Ihr habt immer noch nicht begriffen. Es wäre eine schlimme Denkfalle, in die hineintappen würde, wer allein einem „Lebensraum“-Gedenken das Wort reden würde. So habe ich diese andere Initiative aber auch gar nicht verstanden.

Auch wir lehnen einen Gedenkort für die Opfer der NS-Vernichtungspolitik in Osteuropa überhaupt nicht ab. Im Gegenteil wäre es sicher ein großes Verdienst, wenn die bestehende andere Initiative einen entsprechenden und ansprechenden aufklärerischen Ort der Dokumentation und Ausstellung mit Gedenkcharakter auf den Weg brächte. Dieser Ort der Aufklärung und des Erinnerns hätte nach meinem Verständnis aber vor allem die deutsche Gesellschaft, die heutige Generation der Deutschen als den Adressaten.

Die Polendenkmal-Initiative möchte aber ein sichtbares Zeichen in beide Richtungen senden, sich an uns Deutsche richten und direkt an den polnischen Nachbarn. Ein Zeichen, das bei den Nachfahren der Opfer der Besatzungsherrschaft auf Sympathie und Berührung stoßen würde. Nach unserer Meinung geht es also nicht um ein entweder Polendenkmal oder Gedenkort für die Opfer der „Lebensraumpolitik im Osten“, sondern eher um zwei unterschiedliche, sich potenziell ergänzende, um komplementäre Projekte.

 

Mit Prof. Dr. Dieter Bingen und Emilie Mansfeld sprach Arkadiusz Szczepański.

 

Prof. Dr. Dieter Bingen ist Direktor des Deutschen Polen-Instituts (DPI) in Darmstadt.

Emilie Mansfeld ist Leiterin des Berliner Büros des DPI.

 

 

 

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