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Oberschlesische Tragödie: Auf dem Bahnhof von Radzionków

„Das ist eine Ausstellung, die starke Gefühle weckt“, sagen die Frauen, die den Erinnerungsort für die sogenannte Oberschlesische Tragödie betreuen, zu der es in den ersten Monaten des Jahres 1945 gekommen war, kurz nach der Befreiung Schlesiens durch die Rote Armee.

„Großmutter öffnete die Tür und dachte, da steht ein Bettler, der etwas zu essen haben will“, erzählt Justyna Konik. „Als sie ihm etwas gab, sagte er, und zwar auf Schlesisch: «Zefka…», meine Großmutter hieß Józefa, «Zefka, du hast mich nicht erkannt! Ich bin es, dein Paulek.»“

Frau Konik ist Direktorin des Zentrums für die Dokumentation der Deportation der Oberschlesier in die UdSSR im Jahr 1945. Das Zentrum befindet sich in Radzionków, einer Stadt mit siebzehntausend Einwohnern, die auf der Mitte des Weges zwischen Bytom und Tarnowskie Góry liegt, zwanzig Kilometer nordwestlich von Katowice.

Paulek – ihr Großvater – war einer von dreißig-, vielleicht fünfundvierzigtausend Schlesiern, die im März und April 1945 zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden. Diese Zahlen nennen Sebastian Rosenbaum und Dariusz Węgrzyn von der Abteilung des Instituts für Nationales Gedenken in Katowice in dem Katalog zur Ausstellung in Radzionków.

„Er wurde für zwei Wochen deportiert, nach zwei Jahren kam er wieder“, erinnert sich die Enkelin. „Es wurde ihnen gesagt, dass sie für 14 Tage zur Arbeit fahren. Die Wahrheit war, dass sie in Viehwaggons, «krowioki», wie man bei uns in Schlesien sagte, oft an einen Ort fuhren, der für mehr als 14 Tage vorgesehen war.“

Jeder dritte kam um

Die Sowjets wählten in der Regel junge, kräftige und gesunde Männer aus, darunter viele Bergarbeiter, und holten sie manchmal direkt aus der Grube ab. Achtzig Prozent der Deportierten wurden in die Ukraine gebracht. Nach Donezk (damals Stalino), Luhansk und – wie Paulek – nach Dnipro (damals Dnipropetrowsk). Der Rest wurde nach Weißrussland, nach Kasachstan, an den Ural und nach Sibirien und sogar bis nach Kamtschatka gebracht. Dort sollten sie in Bergwerken und in Industriebetrieben, auf riesigen Baustellen und in Kolchosen arbeiten.

Nach zwei, drei Jahren kehrten sie als menschliche Wracks zurück: ausgezehrt, verlaust, krank. So wie Paulek. Oft sind sie bald darauf gestorben. Paulek überlebte.

„Großmutter wusste schon, was es zu tun galt. Vor allem den Großvater waschen und seine Kleider verbrennen. Und dass man ihn nicht gleich ausgiebig essen lassen dürfe. Früher hat man diesen Fehler gemacht und die Menschen sind dann gestorben“, sagt Justyna Konik.

Viele sind überhaupt nicht zurückgekommen. „Heute kann man ganz vorsichtig davon sprechen, dass 30% der Deportierten aus dieser Region den Aufenthalt im Osten nicht überlebt haben“, schreiben Rosenbaum und Węgrzyn. In manchen Transporten starb jeder zehnte, teilweise jeder sechste bereits auf der Fahrt. „Die Toten wurden rausgeworfen, an den Randstreifen, oder in einem der Waggons gesammelt und während längerer Halte begraben.“

Ein zweiter Archipel

Die Sowjets wollten nach dem Krieg die Deutschen zur Sklavenarbeit maximal ausbeuten. Sie hatten die Absicht, fünf Millionen Bürger des nationalsozialistischen Deutschlands zu deportieren und sie für zehn Jahre in Lagern des GUPVI festzuhalten – ein wesentlich weniger als der Gulag bekannter Archipel von Lagern, die für zivile Kriegsgefangene und Internierte bestimmt waren. Sie entstanden 1939, nachdem Ostpolen von der UdSSR besetzt worden war.

Die Gefangenen aus Deutschland sollten zehn Jahre lang die Kriegszerstörungen abarbeiten, die ihre Landsmänner angerichtet hatten. Zur Umsetzung dieses Planes kam es aber nicht. Außer fast drei Millionen Kriegsgefangener (vor allem Deutsche und Japaner) kamen in die Lager des GUPVI 350.000 Zivilisten deutscher Herkunft, oder Menschen, die verdächtigt wurden, Deutsche zu sein, aus Mittelosteuropa, von Bulgarien und Jugoslawien, über Rumänien und Ungarn, bis hin zur Tschechoslowakei. Und auch aus Gebieten, die zum nationalsozialistischen Deutschland gehört hatten, vor allem aus Schlesien (Ober- und Niederschlesien) und aus Ostpreußen. Die Deportierten sollten Deutsche sein, aber in diesem Punkt waren die Sowjets nun gerade nicht allzu streng.

„Aus dem Bergwerk Bobrek, oder Szombierki, aus dem Großvater deportiert wurde, wurden zwölf, dreizehn Bergarbeiter mitgenommen, die gerade von der Schicht nach oben fuhren. Sie wurden nicht gefragt, ob sie bei der Wehrmacht waren, ob und welche Volksliste sie unterschrieben hatten, ob ihre Eltern in den Schlesischen Aufständen gekämpft hatten“, sagt die Direktorin des Zentrums.

„Betroffen waren einfach Menschen, die damals in Oberschlesien lebten“, erklärt Małgorzata Laburda-Lis, die sich im Zentrum in Radzionków mit den Sammlungen befasst. „Das war ein multikulturelles Grenzgebiet, wo Polen und die deutsche Bevölkerung nebeneinander gelebt haben, und daneben noch die Schlesier, die sich sehr oft mit keiner dieser Nationalitäten identifizierten, und einfach sagten, sie seien von hier.“

Familientragödien

„Wir müssen auch der Frauen gedenken, die mit Kindern zurückgeblieben sind“, sagt Konik. In Schlesien arbeiteten die Männer im Bergwerk, und die Frauen kümmerten sich um das Haus. Wenn der Mann für ein, zwei Jahre weggeholt wurde, blieben sie ohne Lebensunterhalt zurück.

„Allgemein bedeutete das, in einer drastischen Armut zu leben […] Die unterernährten kleinen Kinder wurden krank und starben nicht selten, die älteren gingen betteln, um die Mutter zu unterstützen; die ältesten nahmen eine schwere körperliche Arbeit an, die oft über ihre Kräfte hinaus ging“, schreiben Rosenbaum und Węgrzyn.

Die Sowjets informierten nicht über den Tod eines Häftlings. Ihren Ehefrauen stand deshalb keine Witwenrente zu, denn selbst wenn sie es gewusst hätten, konnten sie in der Regel nicht nachweisen, dass sie Witwen waren. „Die nach Hause zurückkehrenden Lagerinsassen waren oft von Lagertraumata gekennzeichnet, aber nicht weniger psychisch geschädigt waren die Frauen und Kinder, die monatelang, manchmal jahrelang mit Angst, Unsicherheit, Einschüchterung und Demütigung leben mussten.“

45 Jahre Schweigen

Den gesamten Zeitraum der Volksrepublik Polen hindurch wurde das Schicksal der Deportierten geheim gehalten. Nicht einmal in den Familien wurde darüber gesprochen. Frau Konik lernte die Geschichte ihres Großvaters erst in den neunziger Jahren kennen.

„Wir wussten, dass Großvater Zwangsarbeiter in der Sowjetunion und erst 1947 zurückgekehrt war. Wo er aber gewesen war, was er getan hatte und warum er deportiert wurde, das wussten wir nicht. Großvater wollte das nicht erzählen.“

„Ich habe an der Schlesischen Universität in Katowice Geschichte studiert, aber obwohl wir die Geschichte Schlesiens behandelt haben, wurde die oberschlesische Tragödie kaum gestreift“, sagt Judyta Ścigała, im Zentrum in Radzionków zuständig für Bildung.

Die oberschlesische Tragödie – denn so wurden später die Nachkriegsdeportationen von Schlesiern in die UdSSR inoffiziell genannt – hörte erst auf, ein Geheimnis zu sein, nachdem 1990 in dem Magazin „Górnik“ [Bergarbeiter] die Namen von Deportieren publiziert wurden.

„Als wir Großvaters Vor- und Nachname auf dieser Liste sahen, war das für uns das erste offizielle Signal, dass man jetzt darüber sprechen kann“, erinnert sich Direktorin Konik.

Ein Kamelreiter aus Qaraghandy

Die 1990 gewählten Selbstverwaltungen begannen, die vergessene Geschichte publik zu machen. In Knurów entstand ein Verein ehemaliger Deportierter und ihrer Familien. „Das Thema, das bisher in die Privatsphäre gehört hatte, ist zu einem Thema der Öffentlichkeit geworden, und damit einer der am stärksten diskutierten «weißen Flecken» in der Geschichte Oberschlesiens“, schreiben Rosenbaum und Węgrzyn.

Im Jahr 1991 hat die Bezirkskommission für die Untersuchung von Verbrechen gegen das Polnische Volk in Katowice Ermittlungen eingeleitet „in Sachen Deportation von etwa 10.000 polnischen Staatsbürgern – Bergleuten – in die UdSSR zu Beginn 1945 aus dem Territorium von Oberschlesien und dem Oppelner Schlesien durch Soldaten des NKWD, die mit besonderer Brutalität zusammenhing, d. h. wegen einer Straftat nach Artikel 165 § des Strafgesetzbuches.“

Dank der Ermittlungen gelang es, eine umfassende Dokumentation und die Aussagen von Hunderten Zeugen zusammenzustellen. Im Jahr 2003 zeigte das Oberschlesische Museum in Bytom die erste große Ausstellung über die Deportationen, die vom Institut für Nationales Gedenken in Katowice erstellt wurde.

„Damals kam den Behörden von Radzionków die Idee, für diese temporäre Ausstellung einen festen Platz zu finden“, erinnert sich Laburda-Lis. „Und jemand schlug vor, sie im ehemaligen Bahnhofsgebäude unterzubringen.“

Die Entscheidung über die Gründung des Zentrums fällten die Behörden von Radzionków im Jahr 2007. Den stillgelegten Bahnhof übernahmen sie fünf Jahre später von der Polnischen Staatsbahn (PKP) und begannen mit der Sanierung.

„Es wurden viele Gelder gebraucht. Für die Sanierung und den Umbau des Gebäudes legten 27 schlesische Gemeinden und die Stadt Oppeln zusammen. Hinzu kamen EU-Gelder“, sagt Laburda-Lis. Die neue, diesmal ständige Ausstellung, die 2015 eröffnet wurde, hat das Institut für Nationales Gedenken in Katowice erstellt.

„Es handelt sich nicht nur um eine Darstellung der Fakten, sondern auch der Erinnerungen der Deportierten und ihrer Familien“, so Ścigała. „Es befinden sich dort Gegenstände, die die Deportierten bei sich hatten und hierher mitgebracht haben. Löffel, Teller, Rasiermesser … Und das wohl interessanteste Exponat: eine Skulptur, die einen Kamelreiter darstellt. Ein Deportierter hatte sie aus Qaraghandy für sein Kind mitgebracht.“

Ablehnung und starke Gefühle

Unter den Besuchern, die aus anderen Teilen Polens kommen, fehlt es nicht an Skeptikern.

„Sie glauben, über ein bestimmtes Niveau an historischem Wissen zu verfügen. Und wir sprechen hier plötzlich über etwas, was sie absolut nicht kennen und was manchmal im Widerspruch zum offiziellen Narrativ steht. Bis heute beobachten wir oft eine Art Ablehnung unserer Worte“, erklärt Małgorzata Laburda-Lis.

„Man muss weiter in die Vergangenheit zurückgehen, und darf sich nicht allein auf das Jahr 1945 beziehen. Ich beginne immer in den Zeiten von Kazimierz dem Großen und versuche zu erklären, warum Oberschlesien außerhalb von Polen lag“, sagt Judyta Ścigała.

Und das ist ganz und gar keine Übertreibung ihrerseits. Denn das ist genau der König, der Polen hölzern vorgefunden und gemauert hinterlassen und auf das Herzogtum Schlesien verzichtet hatte.

„Die Ausstellung ist so aufgebaut, dass sie starke Gefühle weckt“, erklärt Laburda-Lis. „Wir sind inzwischen in der Lage, die Reaktionen der Besucher vorauszusehen. Selbst bei denen, die hier mit skeptischer Miene reingehen. Eine Stelle, an der der Durchbruch kommt, ist die Fahrt mit einem rekonstruierten Viehwaggon. Dieser Moment macht wirklich Eindruck. Wir sehen Fotos von Deportationen, die an die Bretterwände geworfen werden. Dann schließen die Türen, der Projektor bleibt stehen, das Licht geht aus. Hinter dem Rücken des Besuchers bewegt sich eine hölzerne Wand auf ihn zu. Es wird eng. Von draußen sind Schreie zu hören. Der Fußboden beginnt zu beben, von unten dringt das Klappern der Räder durch. Die Imagination der Zugfahrt ist perfekt. Durch die Ritzen zwischen den Brettern ist die vorbeiziehende Landschaft zu sehen.“

„Eine zweite solche Stelle ist der Saal der Besinnung, wo man sich die Erinnerungen von Deportierten und ihren Nächsten anhören kann“, sagt Małgorzata Laburda-Lis.

Man kann sie auch an den Wänden lesen, Fotos dieser Menschen ansehen, die auf Holzbretter gedruckt sind. In der Mitte steht ein beleuchtetes durchsichtiges Postament aus Erde vom Donezbecken, „wo Oberschlesier, die 1945 in die UdSSR deportiert wurden, umgekommen sind“.

„Wenn die Besucher gehen, sind sie ein bisschen anders als vorher, ein bisschen verändert …“

 

Aus dem Polnischen von Antje Ritter-Miller

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Aureliusz M. Pędziwol

Aureliusz M. Pędziwol, Journalist, arbeitet mit der polnischen Redaktion der Deutschen Welle zusammen. Er war 20 Jahre lang Korrespondent des Wiener WirtschaftsBlattes und für zahlreiche andere Medien tätig, darunter für die polnischen Redaktionen des BBC und RFI.

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