Dezember 1970

Der du dem einfachen Menschen Unrecht Getan hast und darüber noch lachst […]

Sei nicht so sicher. Der Dichter merkt es.

Du kannst ihn töten – es kommt ein neuer.

Czesław Miłosz

 

Dezember 1970, es war das vierzehnte Regierungsjahr von Władysław Gomułka im sozialistischen Polen. Die 1956 nach dem Stalinismus eingeleitete Tauwetter-Periode und die mit ihr verbundenen Hoffnungen auf Reformen waren den meisten nur noch vage in Erinnerung. Für nostalgische Rückblicke hatte 1970 aber ohnehin niemand Zeit, denn Weihnachten stand vor der Tür und es galt, den Kühlschrank mit schwer zu ergatternden Produkten zu füllen.

Ohne auf die zunehmend schlechter werdende Stimmung in der Bevölkerung zu achten, erhöhte die kommunistische Regierung die Lebensmittelpreise – alles wurde damals eben zentral reguliert. Die Preiserhöhung von Grundnahrungsmitteln, allen voran von Fleisch und Fleischerzeugnissen, bereitete den Menschen größte Sorgen. Auf der Straße munkelte man sarkastisch, das Brot würde zwar teurer, dafür seien nun Lokomotiven günstiger.

Diese drastischen „Preisregulationen“, wie es von offizieller Seite hieß, sowie der Zeitpunkt (Vorweihnachtszeit) haben zu einer ungebremsten Verschlechterung der bereits angespannten Stimmung innerhalb der Bevölkerung geführt, die in erster Linie durch den ohnehin schon sinkenden Lebensstandard des „schlichten Sozialismus“ der Gomułka-Zeit hervorgerufen wurde.

Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter in Danzig

Nachdem die Nachricht über die Preiserhöhungen in den Medien verkündet wurde, begann es in den Arbeitsstätten an der polnischen Küste – von Stettin bis nach Elbing – zu brodeln. In den Werften, den größten Staatsbetrieben, kam es zu zeitweiligen Arbeitsunterbrechungen. Es wurden Streikkomitees ins Leben gerufen, die Gespräche mit der Regierungsseite aufnehmen sollten. Die streikenden Arbeiter hofften, dass am Ende des Dialogs die Preiserhöhungen zurückgezogen bzw. die Löhne steigen würden. Doch die Regierungsseite hatte kein Interesse an Gesprächen und dachte auch nicht daran, nachzugeben.

In Stettin und Gdingen kam es daraufhin zu heftigen Tumulten. Streikende Arbeiter umzingelten in Danzig den Sitz des Wojewodschaftskomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Es kam zu Zusammenstößen mit der Miliz, das Parteigebäude brannte nieder, auf den Straßen tobte ein regelrechter Aufstand. Die Partei, mit Gomułka an der Spitze, betrachtete dies als antisozialistische Revolte, die es zu befrieden galt. Im Zentralkomitee der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) fiel die Entscheidung, den Aufstand unverzüglich niederzuschlagen.

Derweil häuften sich im von der Partei kontrollierten Radio und Fernsehen Appelle zur Beendigung der Streiks und Demonstrationen. Die Arbeiter aller streikenden Betriebe wurden dazu aufgerufen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Am besten sofort, gleich morgen früh. Werftarbeiter: an die Arbeit!

Zeitgleich trafen an der Küste bereits die ersten Armeeeinheiten mit dem Befehl ein, die Lage zu befrieden und wieder Ordnung herzustellen. Die Werftarbeiter – die zahlenmäßig größte Berufsgruppe an der Küste – folgten den Aufrufen und kehrten zurück zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin stießen sie mit dem Militär zusammen, das einen Sperrgürtel um die Betriebe aufstellte. Schüsse fielen, Menschen starben und wurden verletzt. Es war eines der tragischsten Ereignisse in der Geschichte der Küstenregion nach 1945. Den Schüssen fielen 45 Menschen zum Opfer, in Stettin, Gdingen, Danzig und Elbing.

Die Streikenden wurden Repressionen ausgesetzt, viele Menschen verloren ihre Arbeit, hunderte kamen ins Gefängnis. Im Zuge der Dezemberunruhen wurde Gomułka von der Parteileitung entfernt und verlor seine Macht. Edward Gierek wurde neuer Parteichef. Unter ihm beruhigte sich in den darauffolgenden Monaten die Stimmung im Land und die Gesellschaft brachte der Führung erneut Vertrauen entgegen. Es begann eine neue Ära des Sozialismus, ein Leben auf Kredit, das im August 1980 zu Ende gehen sollte.

Der Dezember 1970 hatte jedoch jegliche Hoffnungen, die in den Kommunismus gelegt wurden, endgültig aufgelöst. Die blutige Abrechnung mit den Arbeitern (es war nicht die erste, man denke nur an den Aufstand in Posen von 1956), die die kommunistische Partei theoretisch repräsentierte, hatte die Gesellschaft von jeglichen Illusionen befreit. Das war es nicht, was die Polen nach 25 Jahren Aufbau des Sozialismus an der Weichsel erwartet hatten.

Neben den Todesopfern gab es infolge der Gewaltanwendung durch die Miliz einige tausend Verletzte und Verwundete. Im Grunde hatte jede Familie in der Küstenregion entweder selbst oder aus dem nahen Umfeld von verwundeten und zusammengeschlagenen Menschen gehört.

So wurde der Dezember 1970 zum Gründungsmythos für die Küstenbewohner. Beispielsweise Stettin hatte nach dem Krieg bis dahin keine eigene „polnische“ Geschichte entwickelt. Nach Stettin waren Polen aus verschiedenen Landesteilen sowie Vertriebene aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten gezogen (nachdem die polnischen Grenzen 1945 verschoben worden waren), und es gab für sie nicht viele Bezugspunkte in dieser fremden Stadt – mit Ausnahme des Mythos vom mühseligen Wiederaufbau. Dieser geriet jedoch im Laufe der mageren 1960er Jahre recht schnell in Vergessenheit.

Stettin befand sich irgendwie im Abseits, und die Stettiner selbst sagten, wenn sie irgendwohin im Inland reisten, sie würden nach „Polen“ fahren. Es fehlte ein Element der Verwurzelung, das mit den Ereignissen vom Dezember 1970 nun eingetreten war. In ihren Erinnerungen wird diese kurze Zeit des Aufruhrs von vielen Zeitzeugen auch als Zeit der „Stettiner Republik“ bezeichnet. Die Stettiner fühlten sich endlich zuhause.

Nicht anders sah es in den anderen Küstenstädten aus und die Ereignisse brannten sich in das Gedächtnis der Einwohner Gdingens und Danzigs ein. Man sprach über den „Dezember“ zu Hause, berichtete der jüngeren Generation über das Schicksal der Werftarbeiter und ihrer Familien, ganz so als würde man ein Geheimnis weiterreichen. Und so wuchs die Legende um die Arbeiterunruhen an der Küste, die von offizieller Seite verschwiegen wurde. In einem Interview erinnerte sich Donald Tusk daran, dass er im Dezember 1970 zwar sehr jung war, doch alt genug, um zu wissen, was um ihn herum geschah. Auf dem Weg zur Schule und zurück sah er am 14. und 15. Dezember Szenen, die er bis zu seinem Lebensende nicht mehr vergessen wird. In diesen Dezembertagen wusste jeder, der auch nur über ein grundlegendes Urteilsvermögen verfügte, um zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, welche Seite recht hatte. Für viele Zeitzeugen blieb der Dezember 1970 eine lebensprägende Erfahrung.

Und die Erinnerung an die Dezemberunruhen blieb lebendig. Trotz rigoroser Verbote wurden illegale Zusammenkünfte organisiert, um der Ereignisse zu gedenken. Die Menschen forderten eine Aufarbeitung und wahre Informationen über die Repressionen. Von Jahr zu Jahr stieg die Teilnehmerzahl an solchen Kundgebungen. Dies zeugte davon, wie wichtig die Erinnerung an die Arbeiterproteste für das kollektive Bewusstsein der Danziger war. 1979 kam es zur größten Kundgebung. Vor dem Tor der Lenin-Werft in Danzig kamen zum Jahrestag der Unruhen fünftausend Personen zusammen. Die demokratische Opposition wurde sich ihrer Kraft bewusst. Einen großen Einfluss auf den Mut der Menschen hatte die Wahl des Krakauer Bischofs Karol Wojtyła zum Papst, der als Johannes Paul II. im Sommer 1979 der Volksrepublik Polen einen offiziellen Besuch abstattete.

Als sich im Jahr 1980 der Sommer dem Ende neigte, brachen an der polnischen Küste erneut Streiks aus. Wie bereits 10 Jahre zuvor war es die wirtschaftliche Schieflage, die zur Bildung von Streikkomitees führte. Doch anders als 1970 gingen die Werftarbeiter 1980 nicht auf die Straße, sondern blieben in ihren Betrieben und organisierten einen Besatzungsstreik. Erinnert sei an Andrzej Wajdas phänomenalen Film „Der Mann aus Eisen“, der die in Danzig herrschende Stimmung der Jahre 1970 bis 1980 sehr gut wiedergibt.

Eine der 21 Forderungen, die die streikenden Arbeiter an die kommunistische Führung richteten, war der Bau eines Denkmals für die gefallenen Werftarbeiter. Am 10. Jahrestag wurden vor dem Tor der Lenin-Werft drei imposante Kreuze aufgestellt, die für die ersten drei Gefallenen Arbeiter stehen, begleitet von den anfangs zitierten Versen, die eigens von Czesław Miłosz, dem Literaturnobelpreisträger 1980, verfasst wurden. Das Denkmal wurde zu einem fortwährend dominierenden Bestandteil der Danziger Stadtlandschaft und wurde schlagartig zum Symbol des Kampfes um Würde und Freiheit.

Während der feierlichen Denkmalseinweihung sprach Lech Wałęsa zu der an die hunderttausend Menschen zählenden Menge: „Vor einem Jahr sagte ich an diesem Ort, dass hier zum 10. Jahrestag des Dezembers ein Denkmal stehen würde. Wenn nicht anders möglich, so würden wir Steine in Scharen heranschleppen, so wie wir hier versammelt sind, aber das Denkmal wird stehen“.

Das Denkmal wuchs mit der Stadt zusammen. Es ist zu einem festen Orientierungspunkt auf der Stadtkarte geworden. Hier fanden Demonstrationen statt, hier wurde der Gefallenen gedacht, hier betete Johannes Paul II. während seines ersten Danzig-Besuchs im Jahr 1987 – allein, denn ein Milizkordon und Absperrungen verhinderten den Durchschnittsbürgern die Teilnahme.

Denkmal für die gefallenen Werftarbeiter von 1970 in Danzig, im Hintergrund das Europäische Solidarność-Zentrum. Quelle: Wikipedia

Der Solidarność-Platz, an dem die monumentalen „Drei Kreuze“ – wie die Danziger das Denkmal getauft haben – stehen, wurde mit dem Bau des Europäischen Solidarność-Zentrums (ECS) vervollständigt. Das Museum entstand auf Initiative einiger ehemaliger Oppositioneller der Solidarność-Bewegung. Das ECS, welches am 30. August 2014 eröffnet wurde, hätte es ohne das Engagement des 2019 ermordeten Danziger Stadtpräsidenten Paweł Adamowicz nicht gegeben. Heute prägt das ECS diesen Stadtteil von Danzig und ist eines der von Touristen aus aller Welt meistbesuchten Orte der Stadt.

Und wie steht es heute um die Erinnerung an den Dezember 1970? Auf die Wahrnehmung der Ereignisse von damals hat, neben der zunehmenden zeitlichen Distanz und dem Ableben von Zeitzeugen, der gegenwärtige politische Konflikt in Polen entscheidenden Einfluss. Die Spaltung des einstigen Solidarność-Lagers in einen liberalen und nationalistischen Teil beherrscht nicht nur das politische Geschehen der vergangenen zwei Jahrzehnte, sondern bestimmt auch die Interpretation der Vergangenheit. Die Geschichtspolitik ist zu einem Instrument des politischen Kampfes geworden. Und die Vergangenheit wird diametral anders wahrgenommen. Es ist mittlerweile normal geworden, (parallel) alternative Feierlichkeiten an Jahrestagen wichtiger Ereignisse der neuesten polnischen Geschichte zu begehen. Gewerkschafter (der immer noch existierenden Solidarność), die der Partei Recht und Gerechtigkeit verbunden sind, bleiben unter sich, genauso wie die Anhänger der Partei Bürgerkoalition und anderer Parteien. Auch die Vereinsamung von Lech Wałęsa, der Legende der Solidarność und das „lebendige Symbol“ der Ereignisse vom Dezember 1970 und August 1980, ist ein trauriges Faktum. Der weltweit bekannteste Pole legt Jahr für Jahr allein, in Stille Blumen am Denkmal für die Gefallenen Werftarbeiter nieder.

Die junge Generation von Polen will sich nicht am Konflikt ihrer Eltern und Großeltern beteiligen. Sie betrachtet den innerpolnischen Streit als unverständlich, sinnentleert. Für die jungen Polen liegt das Jahr 1970 gefühlt genauso weit zurück wie der Novemberaufstand von 1830 oder die Verteidigung der Westerplatte 1939. Sie kamen in einem gänzlich anderen Land zur Welt und können die Bedeutung vieler Aspekte der damaligen Epoche nicht nachvollziehen, wie etwa von oben verordnete Preisregulierungen, mangelnde Konsumgüter, leere Regale im Supermarkt und den grauen Alltag in der Volksrepublik – ganz zu schweigen von der Pressezensur, Angst vor dem Staatsapparat und seiner Miliz.

Die kollektive Erinnerung an einen der wichtigsten Triumphe der neuesten polnischen Geschichte – die friedliche Revolution von 1989 und der ihr vorangegangene gesellschaftliche Widerstandsprozess – ist heute stark beschädigt. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht unumkehrbar bleibt.

 

Die englische Version des vorliegenden Beitrags erschien zuerst im Magazin New Eastern Europe 6/2020.

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Piotr Leszczyński

Piotr Leszczyński - Redakteur (DIALOG FORUM, Deutsch-Polnisches Magazin DIALOG), Redaktionssekretär der Danziger Zeitschrift "Przegląd Polityczny".

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