Danzig verbindet. Zur Identität der Stadt

Ein Gespräch der Danziger DIALOG-Redakteure Wojciech Duda, Basil Kerski und Piotr Leszczyński

 

Piotr Leszczyński: Wie hat sich eurer Meinung nach unsere Stadt verändert? Lässt sich bereits sagen, drei Jahrzehnte der Freiheit seien an ihr Ende gekommen?

Basil Kerski: Danzig war in den letzten dreißig Jahren der Transformation wirtschaftlich ganz ungemein erfolgreich. Darüber hinaus hat es in den letzten Jahren seinen Ruf als wichtige politische und kulturelle Metropole innerhalb Polens weiter gefestigt. Heute steht die Stadt für ein demokratisches, proeuropäisches Polen.

Danzig widersetzt sich den neuen Populismen und bleibt ein Zentrum der liberaldemokratischen Ordnung. Wir haben inzwischen schon vergessen, dass der Umbruch von 1989/90 für Danzig und Pommern ein bitterer Augenblick war. Denn Danzig, die Wiege der Solidarność, war zwar einer der wichtigsten Schauplätze dieser Veränderung im östlichen Mitteleuropa, bloß als der politische Umbruch dann eintrat, gab es starke Besorgnisse, ob gerade Danzig und Pommern mit ihren Werften und ihrer meeresabhängigen Industrie, als recht periphere europäische Region, die ein halbes Jahrhundert lang von der Welt durch den Eisernen Vorhang quer durch Mitteleuropa und durch die Ostsee getrennt war, sich in der neuen Realität zurechtfinden würde.

Überdies brach der zwischen den Ländern des Ostblocks bestehende Markt zusammen, nicht nur das Wirtschaftssystem verschwand, es verschwanden ebenso die grenzüberschreitenden Verbindungen. Und der Weg nach Westen war durch Grenzen verlegt, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs keineswegs aufgehoben wurden, sondern erst nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2004 und zum Schengen-Raum 2007. Ein Europa der für Danzig offenen Grenzen war die wirklich neue Realität. In den 1990er Jahren sah alles so aus, als ob sich Danzig im neuen Europa nur schwer werde zurechtfinden können. Doch ist der Stadt das gelungen.

Wojciech Duda: Ja, Danzig ist ein gutes Beispiel, wie die Chancen zu nutzen waren, die sich nach dem Fall der Berliner Mauer und des Kommunismus auftaten. Seit 1989 wurde die Stadt zu einer Hochburg der Freiheit. In Danzig wiederholten wir damals unentwegt „Freiheit ist gleich Entwicklung“. Denn wir konnten sehen, wie sich vor unseren Augen Polen und unsere Stadt in der Freiheit veränderten, wie sich Danzig von einer durch Krieg und Kommunismus geschlagenen Wunden versehrten Provinzstadt in eine moderne Metropole verwandelte.

Zuvor war Danzig allenfalls für den Wiederaufbau des historischen Stadtzentrums bewundert worden. Nunmehr begann die Stadt, sich rasend schnell zu modernisieren, auch infrastrukturell, es entstanden neue Wohnsiedlungen. Danzig zieht Investoren und – besonders wichtig – neue Einwohner an. In diesem Sinn ist die Veränderung auf die Erfahrung von 1989 zurückzuführen, dabei ist es jedoch die Zäsur zu berücksichtigen, die den Entwicklungsverlauf in der Stadt beschleunigt hat. Das ist natürlich das Jahr 2004 und der Beitritt unseres Landes zur Europäischen Union. Meiner Überzeugung nach nutzte Danzig perfekt die Chance, die ihm die europäische Integration bot. Darin besteht das große Verdienst des Stadtpräsidenten Paweł Adamowicz und seines Teams, das seine Arbeit in den 2000er Jahren unterstützte. Die Ergebnisse übertrafen unsere Vorstellungen und Erwartungen.

PL: Haben die Veränderungen dieser letzten Jahrzehnte die Identität der Stadt und ihrer Einwohner beeinflusst?

WD: Alle diese Veränderungen habe eine Stadt von ganz ungewöhnlicher Gestalt geschaffen; sie erinnert an ein Palimpsest, weil die Zeit eine Schicht auf die andere gelegt hat. In der Vergangenheit löschten manche die vorherigen Namen, zerschlugen die alten Wappen, zerstörten die Schilder und retuschierten die Geschichte; andere entdeckten sie erneut für sich.

Ich hatte besondere Gelegenheit, diese große Vielfalt zu sehen, aufs Neue die vielen Gesichter Danzigs anzuschauen, als ich mit Chris Niedenthal 2018 Stadtwanderungen unternahm. Dieser großartige Fotograf war von der Stadt eingeladen worden, um Danzig in Zeiten des Wandels aufzunehmen. Unsere Spaziergänge führten mir vor Augen, wie tiefgreifend der Wandel ist. Wir blieben häufig stehen, um mit dem Blick oder der Kamera Orte festzuhalten, die nur wenig später ganz anders aussehen würden. Wenn man sich an die Ruinen zurückerinnert, welche die Stadt selbst noch in den 1960er Jahren prägten, kann einen der Umfang der Veränderungen, eigentlich eines erneuten Wiederaufbaus der Stadt begeistern, andererseits gibt es selbstverständlich viel Anlass zu Kritik. Insgesamt entsteht hier derweil eine neue Qualität.

Danzig ist eine Stadt, die gewaltige Entwicklungssprünge vollzieht, wie dies beispielsweise bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert geschah. Damals sah die von neuzeitlichen Erdwällen eingerahmte mittelalterliche Altstadt aus wie eingepökelt; im Frühjahr und Herbst versanken die Straßen so tief im Schlamm, dass die Pferde und Kutschen steckenblieben. Danzig machte zu jener Zeit keineswegs den Eindruck einer modernen Großstadt im rasend schnell sich verändernden Europa.

Doch an der Jahrhundertwende trat der Moment ein, an dem sich alles ungeheuer beschleunigte, als plötzlich die alten Korsetts platzten, die Reste der Befestigungsanlagen verschwanden, Eisenbahnlinien, breite Straßen, neue Gehwege und Gebäude entstanden. Der Wiederaufbau nach dem Krieg ist gewissermaßen Herz und Wurzel der Stadt, indes kommt jetzt erst so richtig das Bewusstsein auf, dass all die Veränderungen der nächsten Jahre unserer Stadt noch verschiedene neue Gesichter aufprägen werden.

Bei unseren Spaziergängen besuchten Chris Niedenthal und ich Wrzeszcz/ Langfuhr, Günter Grass’ Geburtsort. Durch den Blick des Fotografen entdeckte ich den eigentümlichen Reiz dieses Ortes, der mir zuvor völlig entgangen war. Ich komme darauf zu sprechen, weil ich damit sozusagen eine Stadt in der Stadt entdeckte, was insbesondere für die Bebauung rings um die Schule gilt, die Grass in seiner Jugend besuchte. Auch heute ist eine solche Stadt in der Stadt im Entstehen begriffen, besonders in Nachbarschaft zum historischen Zentrum; ich denke hier vor allem an das vormalige Werftgelände. Wie immer in solchen Augenblicken, stellt sich die Frage, was der gemeinsame Nenner dieser Veränderungen ist. Wie sind in Zeiten der Veränderung Kontinuität und Gedächtnis des Ortes, der Erfahrungen und der Werte zu wahren, welche die Stadt durch die Geschichte transportiert?

PL: Schaffen die in den letzten Jahren neu entstehenden Orte den Danziger Mythos, den Genius loci aufs Neue? Der Bau des Europäischen Solidarność-Zentrums – unser Weg in die Freiheit. Eine andere Antwort liefert das Museum des Zweiten Weltkrieges, das aus naheliegenden Gründen in Danzig erbaut wurde, aber genauso andere, auf entferntere Zeiten bezogene Orte, zum Beispiel die neue Investition in das Gras- und Chodowiecki-Haus. Wir haben dann noch die Danziger Städtische Galerie mit ihren Abteilungen, in der Arbeiten vorwiegend jüngerer Künstler ausgestellt werden, darunter Absolventen der Akademie der Schönen Künste in Danzig.

Ich möchte außerdem die Initiativen von unten ansprechen. In diesem DIALOG-Magazin drucken wir einen Beitrag zum Institut Langfuhr ab; dabei geht es um ein für Danzig charakteristisches Phänomen, nämlich das ausgesprochene Interesse der Einwohner an der Stadtteilgeschichte. Geführte Spaziergänge durch die Stadtteile sind ganz außerordentlich beliebt. Die Geschichte dieser nur anscheinend gewöhnlichen Orte ist so interessant und unbekannt, dass sie manchmal mehrere hunderte Teilnehmer zusammenbringt, sodass die Spaziergänge regelmäßig wiederholt werden müssen.

BK: In den 1990er Jahren las ich viel zum Danziger Genius loci. Ganz ehrlich gesagt, als Danziger mit einer sehr innigen Beziehung zu dieser Stadt hatte ich bei dieser Lektüre immer eher gemischte Gefühle, denn ich fand darin zu viel Kitsch und Klischees nach dem Muster: eine Stadt am Meer, daher eine weltoffene Stadt, eine Stadt hanseatischer Tradition, also lassen sich irgendwie noch die Nachwirkungen der Hanse merken. Darin spürte ich eine schwer zu akzeptierende Mystifizierung, andererseits bemerkte ich eine kluge Intuition der Danziger, ihren Ehrgeiz, die Stadt als Organismus zu begreifen, der dann gut funktioniert, wenn er offen ist, doch darf er kein bürgerschaftlich oder architektonisch undurchdachter und undefinierter Ort sein. Er entwickelt sich gut, wenn es einen Wertekonsens gibt.

Meinem Eindruck nach würde ich mich heute denjenigen anschließen, die beteuern, es gebe so etwas wie einen Danziger Geist. Einen Geist, der die Summe der Einstellungen verschiedener Menschen in sehr verschiedenen Rollen ist. Ich behaupte nicht, sämtliche Danziger seien so, aber nachdem ich die Liste dieser Institutionen und Initiativen durchgegangen bin, würde ich sagen, alles, was alle diese Menschen – ich spreche jetzt bewusst von Menschen – miteinander verbindet, ist ein bestimmter Danziger Konsens, der aus diesem Ort und seiner Erfahrung rührt. Die Danziger schätzen Tradition und Modernität, Konservatismus und Liberalismus, sie sind für die Gesellschaft offen, trotz ihres Konservatismus sind sie gegenüber neuen Gewohnheiten oder Formen des Soziallebens tolerant, sie sind patriotisch, lehnen hingegen Nationalismus ab, erinnern sich an das Übel der Totalitarismen, reagieren allergisch auf Hassrede, sind Europäer, sind offen für die verschiedenen europäischen Kulturen, die ihre Stadt formten, sie bewahren die Erinnerung an die multikulturelle Geschichte der Stadt.

Ich habe unterstrichen, welche Herausforderung der zweite Wiederaufbau Danzigs darstellt, denn mir kommt es so vor, als ob die Danziger sich heute sehr nach einem friedlichen Europa sehnen. Sie sind sich bewusst, wie schrecklich der Krieg ist. Die Stadt führt Gewaltlosigkeit im Programm. Das sind Menschen, die wissen, wie leicht Kontinuität durch Krieg zerstört wird, und sie bemühen sich, Kontinuität wieder herzustellen in dem Wissen, dass das unmöglich ist. Nehmen wir das Beispiel Institut Langfuhr – das alte Wrzeszcz lässt sich nicht rekonstruieren. Der jetzige Wiederaufbau der Stadt versucht sich nicht an einer Rekonstruktion. Was einmal war, lässt sich nicht wiederherstellen, trotzdem geht es um den Versuch, solche materiellen und ideellen Potentiale aufzubauen, welche die Stadt vor solchen destruktiven Einflüssen schützen wie Krieg, Nationalismus, Rassismus, Ressentiments, Kleingeistigkeit, Selbstausgrenzung aus der Gemeinschaft der Europäer, die sich gemeinsam um ihr Wohlergehen kümmern. Nach meinem Dafürhalten hat das eine politische Kultur geschaffen, an der neue Bürger partizipieren, die der Begriff der politischen Kultur nicht interessiert, oder Geschäftsleute, die sich nicht sonderlich für Politik interessieren.

Wenn ich diesen sehr unterschiedlichen Menschen begegne, sind das Menschen, die eine Stadt mit einem Immunsystem gegen die Krankheiten ausstatten, mit denen die Menschheit ständig konfrontiert ist. Das spiegelt sich sehr konkret in den Programmen wider. Beispielsweise die bereits erwähnte neue, sehr schwierige Initiative zur Einrichtung einen Grass- und Chodowiecki-Hauses.

Wieso ist sie so schwierig? Chodowiecki starb vor mehr als zweihundert Jahren, Grass ist ebenfalls schon gegangen, dennoch wollen wir einen Ort für die Zukunft schaffen. Vielleicht ist das eine Danziger Spezialität, wie das Shakespeare-Theater: Es pflegt das Werk eines Dichters, der schon mehrere hundert Jahre nicht mehr lebt, und doch ist es heute ein Ort der Begegnungen nicht nur für Theaterleute und Künstler.

Vielleicht hat Danzig die Fähigkeit entdeckt, Nostalgie und Beharren auf überholten Erfahrungen abzuwerfen, um sein Immunsystem zu stärken, um die Werte in der heutigen Welt zu verteidigen, die Wohlstand, Frieden und Kooperation sichern und die lokale Identität wahren. Danzig zelebriert seine Besonderheit, gleichwohl steht diese jedem offen. Dies ist das Ergebnis sehr großer Anstrengungen der Stadtregierung, der Politik, aber auch vieler Investoren aus Polen selbst, die aus der neuen Offenheit Danzigs schöpfen wollen. Es ist ein neuer Danziger Geist entstanden, der in fünfzig Jahren anhand der Biografie von Menschen ablesbar sein wird, von denen jetzt zu sprechen schwerfällt.

WD: Der Genius loci ist für mich natürlich ein metaphysischer Begriff. Ich erinnere mich an die Debatten der 1990er Jahre, als wir zur Vorbereitung der Bildbände aus der Reihe „Był sobie Gdańsk“ (Danzig, wie es einmal war) die Frage stellten, wie es mit der Identität der Stadt bestellt war, und wir uns endlos über das Danzigersein Gedanken machten. Ich bin fest davon überzeugt: Der Geist des Ortes kann über Jahrhunderte hinweg wirken und ausstrahlen, er besitzt eine Kraft, mittels derer sich die Danziger nicht nur mit den steilen Dächern und den Hausfassaden identifizieren können, sondern eben mit einem bestimmten Wertekanon.

Meines Erachtens ist das ein so geheimnisvolles und faszinierendes Phänomen, dass sich sein Zauber nicht entschlüsseln lässt. Denkt man jedoch einen Augenblick lang darüber nach, liegt in der Konstanz des „Geistes der Stadt“ und seiner Wirkung etwas Überraschendes, und das trotz der tiefgreifenden Bevölkerungsveränderungen, die Danzig Ende des 19. Jahrhunderts umgestalteten, oder des dramatischen demografischen Einschnitts von 1945, als die bisherigen Einwohner die Stadt verließen und sich auf den Trümmern Polen aus allen Gegenden der Zweiten Republik (Wilna, Lemberg oder Zentralpolen) niederließen.

Ähnliche Vorgänge, wenn auch selbstverständlich in sehr viel geringerer Intensität, spielten sich im gesamten Zeitraum seit 1945 ab – Danzig hat als eine von wenigen Orten und wenigen Großstädten in Polen weiterhin einen natürlichen Bevölkerungszuwachs. In dieser Stadt, in ihren Mauern steckt also eine bestimmte Anziehungskraft, welche die neuen Einwohner anspricht. Die Danziger, die 1945 Danzig verließen, nennt man die alten Danziger, obwohl ihre Familien vielleicht gerade einmal zwei oder drei Generationen in der Stadt ansässig gewesen waren.

Heute wächst vor unseren Augen bereits die vierte Generation von Danzigern heran; diese Menschen identifizieren sich in natürlicher Weise als Danziger. Ich spreche davon, weil der Genius loci ein Bestandteil der Danziger Identität ist; er erlaubt eine Identifizierung mit der Tradition und Geschichte ebenso wie mit der materiellen Substanz der Stadt an sich. Andererseits weckt er ein Gefühl der Absonderung, der Abgesondertheit. Wohl daher wurde in der letzten Zeit oft mit brutaler Offenheit öffentlich die Frage gestellt: Wem gehört Danzig? Meine Antwort ist einfach: Es gehört uns, die wir überwiegend nach 1945 hierhergekommen sind oder später hier geboren wurden. Mit einem Wort, den Danzigern, den Polen, die zugleich Europäer sind. Ich denke, es gibt hier eine Identifikation auf allen drei Ebenen, der städtischen, der nationalen und der europäischen.

PL: Welches Erbe bringt Danzig ein, was wird bleiben, welches Image hat die Kultur der Stadt?

WD: Das jahrhundertealte Erbe Danzigs ist ambivalent; dafür ist die Geschichte der Freien Stadt Danzig der Jahre 1920 bis 1939 ein gutes Beispiel. Aus diesem Erbe trifft jede Generation ihre eigene Auswahl, das tut sie ganz bewusst. Das Erbe ist wie ein großer Reisekoffer, er ist in jedem Abschnitt der Geschichte mit dabei. Wer über den Alltag hinauskommen will, langt immer in den Koffer, wählt aus dem Inhalt einzig das aus, was ihm nahesteht, was er an der Vergangenheit für wert befindet. In diesem Sinne ist Danzig als eine Retorte der Zeit eine wahre Herausforderung.

Als wir in den 1990er Jahren Debatten über die Danziger Identität führten, bekamen wir des Öfteren den Vorwurf zu hören, wir gebräuchten den Begriff der Multikulturalität, der höchstens etwas mit Danzig im 16. oder 17. Jahrhundert zu tun habe, wo doch der Wohlstand der Stadt damals von Deutschen und Polen, Schotten und Niederländern, Juden und Kaschuben geschaffen wurde. Allerdings ist Danzigs Geschichte nicht zuletzt eine Warnung, und der erste Touristenführer durch einen dunklen Abschnitt der Danziger Geschichte bleibt Günter Grass, der von den Anfängen des Nationalsozialismus in Danzig erzählte wie niemand vor ihm und niemand seither. In der „Blechtrommel“ lässt Grass Danzig zur universellen Erfahrung werden. In dieser Stadt begann der Zweite Weltkrieg, aber hier entstand auch die Solidarność. Diese beiden Ereignisse sind wichtige Erinnerungsorte des 20. Jahrhunderts.

BK: Mir gefällt dieses Bild der Kultur sehr, ich sage eigens nicht Gedächtnis der Kultur. Das kommt daher, dass jeder seine eigene Auswahl aus dem Danziger Repertoire trifft und das nicht willkürlich tut. Es war schon die Rede von den Bestandteilen des Repertoires, denen niemand in Danzig entkommen kann, vielleicht sind sie ihm gleichgültig, dennoch sind sie stark. Das Phänomen Günter Grass, der von einem Ort, von einer lokalen Kultur die universelle Erfahrung der ganzen Welt ableitete. Ich bin selbst jedes Mal überrascht, wie sehr sich diese Literatur bewährt, wie sehr sie immer noch die nächste Generation inspirieren kann. Das ist ein ganz besonderes Geschenk, das uns da gegeben wurde. Mir will scheinen, Danzig wäre anders, unsere Möglichkeiten wären andere ohne Günter Grass.

Zudem haben glücklicherweise die beiden Danziger Autoren Stefan Chwin und Paweł Huelle, was nachdrücklich zu sagen ist, ein Werk geschaffen, das sich in den letzten dreißig Jahren als Einladung an die nächste Generation behauptet hat. Nämlich Danzig auf je eigene Art zu lesen. Und noch ein interessantes Phänomen: Die Erinnerung an die Solidarność wird heute nicht mehr von Heldengeschichten wie der von Anna Walentynowicz oder von Lech Wałęsa hergeleitet, sondern von einer lokalen, aber mit universellen Ambitionen ausgestatteten Friedensbewegung.

Ich denke, Paweł Adamowicz’ Genie hat dieses Potential gerettet. Er verstand es: Um die Erinnerung an die Solidarność für folgende Generationen lebendig zu halten, muss sie in eine zeitgemäße Sprache übertragen werden, und das gelang ihm dank des Europäischen Solidarność-Zentrums und der Anregung, verschiedene Generationen tagtäglich ihre eigene Interpretation und Lesart dieser Geschichte erbringen zu lassen, während sie sich dazu verpflichten, diese Werte in die Gegenwart zu übertragen und nachzudenken, was wir als Bürger heute in Polen verteidigen. Denn wir verteidigen schließlich das universelle Erbe der Solidarność und nicht das nationalistische, das von der Regierung oder der Gewerkschaft propagiert wird.

Heute zeigt sich die Attraktivität von Danzig daran, dass junge Leute herkommen, Arbeit finden, einen Raum finden, der topografisch sehr interessant ist; und für eine mittelgroße Stadt finden sie hier einen unglaublichen Reichtum, um sich in unterschiedliche Erfahrungen und Mythen hineinzubegeben. Die Geschichte seit dem Krieg ist sehr interessant, nicht allein mit Blick auf die Solidarność-Bewegung, auf die Oppositionsbewegung, sondern auch mit Blick auf die Populärkultur.

Es ist für Danzig charakteristisch, dass die von hier kommenden Menschen ihrer Stadt gegenüber ungeheuer loyal sind. Ich meine damit nicht nur die gebürtigen Danziger, ich meine auch Leute, die erst zu Danzigern geworden sind, indem sie hier gelebt haben. So wie Andrzej Wajda, der mich mit der Bemerkung überraschte: „Weißt du, als Theaterregisseur habe ich in Danzig am Küstentheater (Teatr Wybrzeże) debütiert, ich kam im August 1980 nach Danzig zurück.“ Ich war sehr gerührt, als Paweł Adamowicz Wajda an seinem neunzigsten Geburtstag fragte, ob er nicht Ehrenbürger von Danzig werden wolle. Das heißt für mich, Danziger zu sein. Andrzej Wajda war immer Danziger, obzwar er wohl der am krakauerischsten aller Krakauer Künstler war.

PL: Welche Zukunft zeichnet sich für Danzig ab, wie wird Danzig in zehn Jahren aussehen?

WD: Der verstaatlichte Patriotismus der Regierungspartei setzt Liebe zum Vaterland mit Nation und Religion und noch dazu mit Unterstützung der die Macht ausübenden Mehrheit gleich. Von der Regierung ist oft zu hören, „wir“ könnten nur existieren, wenn es irgendwelche „anderen“ gebe, und in diesem Sinne wird Danzig zu einem sehr geeigneten Instrument zur Mobilisierung unguter Gefühle, denn, wenn wir „wir“ sagen, haben wir sofort irgendwelche „anderen“ vor Augen. Die „anderen“, das sind die Juden, Ukrainer, Belarussen, Deutsche. Aufgezählt wird, wer einstmals zu der historischen Gemeinschaft gehörte, welche die Rzeczpospolita Beider Nationen bildete, in der gerade unsere Stadt die „Perle in der Krone“ war. Diese verschiedenen Nationen ließen über die Jahrhunderte Danzig entstehen.

Wenn wir also heute in Danzig das Erbe der alten Rzeczpospolita ernstnehmen, wenn wir das Erbe der Danziger Stadtrepublik ernstnehmen, mit ihrer Anhänglichkeit an Freiheit, Vielfalt und Weltoffenheit, dann ziehen wir aus dieser Lehre ganz praktische Schlüsse. Toleranz zu praktizieren, Wertschätzung für Andersartigkeit zu stärken, Vielfalt als natürlichen Teil unserer Welt zu erkennen und nicht jegliche Andersartigkeit als Sünde der Moderne zu brandmarken – so eine Lehre eines offenen, politischen Patriotismus versuchte Präsident Paweł Adamowicz lokalpolitisch umzusetzen, und seine Politik wird von der jetzigen Stadtpräsidentin Aleksandra Dulkiewicz fortgesetzt. Daher die Propagandaattacken auf Danzig, auf das Danzigersein, als sei dies etwas Fremdes. Wie kann man nur von Fremdheit sprechen, wo doch Danzig umsetzt, was vom polnischen Erbe das Beste ist, aus der Tradition der Rzeczpospolita Beider Nationen – das verstehe ich nicht, und ich sehe das als zynisches Vorgehen der PiS-Regierung, um die Polen zu spalten.

Meine Angst um Danzig kommt daher, was ich mit dem verkürzenden Ausdruck „ewiges Danzig“ bezeichne. Ich fürchte, in zehn, fünfzehn Jahren werden die Danziger davon überzeugt sein, Danzig sei schon immer „unsere“ Stadt gewesen. Was würde das heißen? Dass die ganze Vielfalt seiner Vergangenheit verschwände, weil es weder Willen, Lust noch Ort geben würde, um die Leute dazu zu veranlassen, darauf neugierig zu machen, ja dazu zu zwingen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, die Vielfalt und Wertschätzung für Andersartigkeit lehrt, die alle Werte herausstellt, die wir in den vergangenen Jahren entdeckt haben und die uns heute so wichtig sind.

Die jetzt vor uns stehende Herausforderung besteht darin, den Danzigern selbst das Wissen über die Geschichte ihrer Stadt möglichst umfassend zu vermitteln. Über Einrichtungen wie das Europäische Solidarność-Zentrum, das Museum des Zweiten Weltkrieges, das Shakespeare-Theater, das Grass- und Chodowiecki-Haus sind Farbigkeit, Vielteiligkeit, Vielgestaltigkeit der geschichtlichen Entwicklung herauszustellen, die sich in Danzig wie nirgends sonst in Europa beobachten lässt.

 

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann


Wojciech P. Duda, Chefredakteur des „Przegląd Polityczny“ (Politische Rundschau), Coautor der Bildbandserie „Był sobie Gdańsk“ (Danzig, wie es war), die nach 1989 die Debatte über die Identität der Stadt eröffnete; 2007 bis 2015 Chefberater der Ministerpräsidenten Donald Tusk und Ewa Kopacz; 2016/17 Berater des Stadtpräsidenten Paweł Adamowicz.

 

 


Basil Kerski, Chefredakteur des Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG und Direktor des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig; lebt abwechselnd in Danzig und Berlin.

 

 

 


Piotr Leszczynski Redakteur DIALOG FORUMPiotr Leszczyński, Redakteur der Zeitschrift „Przegląd Polityczny“, des Deutsch-Polnischen Magazins DIALOG und des Internetportals DIALOG FORUM, Vorsitzender des Kultur- und Bildungsvereins „Kolegium Gdańskie“ (Danziger Kollegium).

 

 


Das Gespräch erschien im Deutsch-Polnischen Magazin DIALOG Nr. 134

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