Barbaren

Von Herodot und Tacitus bis Kavafis und Coetzee werden die Seiten der wichtigsten und schönsten Werke des großen Kanons der westlichen Literatur, dieser Säule unseres Tempels der Kultur, von Barbaren bevölkert, von realen und imaginierten Barbaren, ob sie nun schon mitten unter uns seien, sich erst auf dem Wege zu uns befänden oder vorerst noch bloß in unserer Erwartung existierten. Inmitten des Zentrums von Rom, gleich an der Via dei Fori Imperiali, steht die berühmte, vierzig Meter hohe Trajanssäule; sie ist nicht nur ein Denkmal der Größe Roms, sondern stellt zudem wunderbar in Gestalt eines sich spiralförmig nach oben windenden Bandreliefs die Geschichte der Kriege mit den Dakern dar, eine Illustration des Zusammenpralls von Rom mit der Welt der Barbaren, also auch eine Projektion von Rom selbst oder doch eher unserer althergebrachten Vorstellungen von Rom. Die westliche Zivilisation, zu der wir als Europäer am längsten beigetragen haben und die sich heute über mehrere Kontinente bis einschließlich Australien erstreckt, entstand nicht im leeren Raum, in der kosmischen Schwerelosigkeit, nicht nur aus dem reinsten Erz. Ob es uns um ihre materiellen Aspekte geht, um das, was physisch greifbar ist, um das Sozioökonomische wie den Staat oder auch um das Geistige wie die Literatur und die Kunst, ist ganz gleichgültig – sie wurde immer wieder geboren unter Schmerzen, und sie lässt höchst merkwürdige Verbindungen erkennen.

Barbaren sind die, welche ohne Einladung kommen und plötzlich vor den Toren stehen. Nicht jeder Krieg ist ein Krieg des zivilisierten Imperiums gegen die Barbarei; nicht jede Auseinandersetzung, selbst wenn sie gewaltsam verläuft, nicht jede Konfrontation, selbst die blutigste, ist ein Konflikt von solch historischer Dimension. Ein Blick in die Geschichte lehrt uns: Viele Kriege hätten vermieden werden können, denn sie wurden entweder vom Ehrgeiz der Machthaber ausgelöst oder von ganz profanen Ressentiments und Missverständnissen, oder aber von Ansprüchen auf Raum und Ressourcen (womit ich nicht gesagt haben will, dies seien mindere Gründe); anders gesagt, durch einen reißenden Strom aus bösem Willen, Gedankenlosigkeit oder Dummheit, der nicht beizeiten eingedämmt worden war. Doch handelt es sich stets um vorhersehbare Irritationen im natürlichen Gang der Dinge, deren Ablauf sich bis zu einem gewissen Grad kontrollieren ließe. Anders ist es, wenn sich am Horizont erst noch ganz unscheinbar, dann immer näher, schließlich unmittelbar vor den Mauern eine Horde von Barbaren zeigt, eine unüberschaubare Schar von Fremden, ein amorphes, vielköpfiges Monster – der Andere.

Eines charakterisiert diesen Zug der Barbaren an die Grenzen unseres traditionsgeheiligten Imperiums: wenn er erst einmal in Gang gesetzt ist und auf seinem Kurs den Sternen folgt, dann lässt er sich durch keine Macht der Welt mehr aufhalten. Freilich können wir ihm das ein oder andere Mal Widerstand entgegensetzen, doch werden wir damit das Unvermeidliche nur ein wenig hinauszögern. Stets aufs Neue sind wir höchst überrascht und empört, denn schließlich gibt es in unserem Imperium keinen Platz für Barbaren! Doch nützt uns unser Erstaunen und Jammern (sie haben nicht das Recht!) keineswegs, ebenso wenig das Drohen und die hektische Betriebsamkeit der Politik (wir haben nicht unser Einverständnis gegeben!). Denn die Barbaren sind schon da.

Die Barbaren sind diejenigen, die kommen, um eine neue Ordnung einzuführen. Sie verfolgen mit ihrer Invasion keinesfalls den Zweck, sich friedlich an das anzupassen, was sie vorfinden. Die alte Ordnung? Das geht sie nichts an. Institutionen, Rechte und Freiheiten, die wir mühsam erarbeitet, für die wir lange gekämpft haben? Das brauchen sie nicht, sie haben doch ihre eigenen, die sie mitsamt ihrem ganzen Habe in das Imperium bringen. Seit sie wissen, wie groß sie an Zahl sind, führen sie stolz und hochmütig protzende Parolen auf ihren Standarten. Wie oft wir uns auch wundern, wir, die depressiven Bewohner des Imperiums, die auf unseren bequemen Kanapees ausgestreckten Sybariten und Meister des eleganten Stils, dass die ungeschliffenen Barbaren uns keine Dankbarkeit bezeigen, die wir doch die europäischen und westlichen Werte hüten, noch unsere Leistungen, das Erbe von Zeitaltern und Generationen anerkennen – sie geizen mit euphorischer Bewunderung, sie machen uns lächerlich, und zwar nicht in ihren Augen (sind sie nicht etwa selbst Träger von Werten?), sondern in unseren eigenen, wenn wir sie denn nur aufmachten. Wir glauben, unsere Welt sei wenn schon nicht perfekt, so doch jedenfalls die beste aller denkbaren Welten, wenn auch vielleicht nur solange, wie sich keine Barbaren am Horizont zeigen und an unsere Tore pochen, oder wie wir vor ihrem wahrlich unerträglichen Pochen die Ohren verschließen.

Die Sprache der Barbaren, derer sie sich übrigens sehr behende bedienen, ist die Gewalt. Skrupellose Gewalt, brutale Gewalt, ja totale Gewalt, wenn erst die Zeit dazu gekommen ist. Sie kontrastiert derart heftig mit allem, was uns aus unserem langweiligen und faulen Leben bekannt ist, das wir damit zubringen, unsere endlose Reflexion in endlosen Spiegeln zu betrachten und uns dabei formvollendet selbst in den Schwanz zu beißen! So schwer fällt es uns zu begreifen, wie in einer von Frieden und Wohlstand strotzenden Welt, in der wir doch, so wollte es scheinen, alle in allen wirklich wichtigen Dingen einer Meinung sind, es jemanden wie sie überhaupt geben kann. Haben wir sie nicht unterworfen, sie nicht erzogen? Haben nicht alle begriffen, welche Richtung für unser Imperium die richtige ist? Nein. Wäre es so, wären die Barbaren keine Barbaren und ihre Invasion keine Invasion.

Barbaren sind die, die kommen, um für immer zu bleiben. Sie kommen nämlich nicht, um zu zerstören und alles wieder aufzugeben, sondern um sich das, was sie vorfinden, anzueignen, wenn auch nicht ganz und gar, denn das wäre unmöglich. Sie wünschen für sich nur Teilhabe, aber zu neuen Bedingungen. Sie scheinen uns zu fragen: Wenn euer Imperium schon so großartig ist, wieso lasst ihr uns dann nicht ein? Aber wir verstehen ihre Sprache nicht und hören sie nicht. Und so geht es seit unvordenklichen Zeiten: seit den Perserkriegen, als die zivilisierten Griechen sich gegen den Anderen stellten. Jede neue Welle der Barbaren schlägt an die Ufer des Imperiums und bringt Schätze, welche sie vorher aus den Meerestiefen geborgen haben, und gestalten aufs Neue mit ihrer ungelenken Hand das Festland. Das Barbarenland wird zur neuen Provinz des Imperiums; so wächst es in die Welt hinein, gegen die es sich aufgemacht und losgeschlagen hat. Das Imperium und die Barbaren verschmelzen zu einem Ganzen. Kaum hat sich alles wieder beruhigt, braust die nächste Welle heran. Wer uns seiner Natur nach völlig fremd ist, wird bemerkenswerterweise mit der Zeit zum Unsrigen, bis er schließlich nicht mehr von uns zu unterscheiden ist. Die Geschichte unserer Zivilisation ist eine Geschichte der Metamorphose, die von nahem entweder abscheulich aussieht oder überhaupt nicht wahrzunehmen ist; ewige Wiederkehr und Richtung lassen sich erst aus großer Entfernung erkennen.

Die Unterteilung der westlichen Welt in Imperium und Barbarenland, in unseren zivilisierten Staat und die unverständliche Welt des Anderen ist zwar höchst abstrakt, aber die dauerhafteste Unterteilung von allen und als einzige anscheinend unüberwindlich. Und zwar nicht, weil sie eine tiefsinnigere Unterteilung wäre als andere, weltanschauliche, religiöse oder politische Kategorisierungen (obwohl sie es ist), sondern, weil sich hier gleichsam auf Art der Photosynthese ein Wunder der Schöpfung vollzieht. Wie der Existenzzweck der Barbaren das Imperium ist, so sind sie Sinn und Inhalt seiner ständigen Wiedergeburt; die Andersdenkenden, die Andershandelnden, die mit Füßen treten, was bislang heilig war. So entsteht Europa. Das ist die Quelle seiner Schönheit und Unsterblichkeit und auch die Quelle seines Schmerzes und seiner unbeschreiblichen Bitternis.

Seit den Perserkriegen, den Kreuzzügen und den frühneuzeitlichen Religionskriegen bis zu den Weltkriegen des zwanzigsten Jahrhunderts und weiter, in das einundzwanzigste Jahrhundert hinein: im Krieg gegen den Terror, in ideologischen, hybriden und digitalen Kriegen verläuft unsere Geschichte. Die Position, die wir in der geordneten Welt des Imperiums einnehmen, bringt die Barbaren in Rage; uns in unserem Hochmut und unserer Selbstzufriedenheit suhlend, stacheln wir sie gar noch von uns aus an. Wir erliegen der Illusion, wir könnten sie domestizieren und zivilisieren. Aber wenn sie erst da sind, kommt alles ganz anders. Unausweichlichkeit und Naturgewalt der Barbareneinfälle liefern aber keinesfalls eine Erklärung dafür: Nach dem Gesetz der ewigen Wiederkehr wird hier der europäischen Seele in einem fort brutale Gewalt angetan. Mal im kargen Kleid des Kriegers, dann in der blitzenden Rüstung des Ritters, mal in Uniform, dann im eleganten Anzug oder liturgischen Gewand, stehen vor den Toren die Gewalttäter ohne Moral, die Aggressoren jenseits von Gut und Böse, getrieben von einem Gedanken, einer Begier: zu zeugen, den neuen Menschen zu zeugen, mit ihm die Welt zu bevölkern, und in dieser vielleicht alten, aber ganz neu geordneten Welt zu höchsten Würden zu kommen.

Aus dem Polnischen von Andreas R. Hofmann

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Jacek Hajduk

Jacek Hajduk ist Schriftsteller, Übersetzer und Altphilologe, lehrt an der Krakauer Jagiellonen-Universität.

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