Stettin: Vom Zwischenraum zur Grenzmetropole

„Kennen Sie jemanden, der in Stettin lebt?“

„Nein“, antwortete Mrs. Wilcox ernst, während ihr Nachbar, ein junger Mann aus den unteren Reihen des Kultusministeriums, sich darüber verbreitete, wie Menschen, die in Stettin leben, auszusehen hätten. Ob es wohl so etwas gebe wie Stettinität? Margaret stürzte sich auf das Thema.

„Die Stettiner lassen aus überhängenden Lagerhäusern Sachen in Kähne fallen. Unsere Vettern zumindest tun das, aber besonders reich sind sie nicht. Die Stadt ist nicht weiter interessant abgesehen von einer Uhr, die mit den Augen rollt, und der Aussicht auf die Oder, die wahrhaftig was Besonderes ist. O Mrs. Wilcox, Sie würden die Oder lieben! Der Fluss, genauer gesagt die Flüsse – es scheint dort Dutzende davon zu geben – sind von einem tiefen Blau, und die Ebene, durch die sie fließen, ist von tiefstem Grün.“ (Zitat aus: Edward Morgan Forster, Wiedersehen in Howards End, aus dem Engl. von E. Pöllinger, Frankfurt am Main 2005, Fischer Verlag, Kap. IX, S. 87.)

 

Die kurze Erwähnung Stettins in E.M. Forsters 1910 erschienenem Erfolgsroman skizziert geradezu impressionistisch eine größere und dennoch damals außerhalb von Deutschland für viele Europäer kaum näher bekannte Hafenstadt in ihrer unmittelbaren geografischen Lage. Bemerkenswerterweise bot der Autor dadurch beiläufig den Schnappschuss einer Realität, die die – immerhin tiefgreifenden – Umbrüche in der Lokal- und Regionalgeschichte des Stettiner Stadtgebiets weitgehend überdauert hat und deren Hauptzüge zum Teil bis heute prägend geblieben sind. Dies betrifft sowohl die wirtschaftlichen Aktivitäten als auch das natürliche Umfeld bis hin zur etwas peripheren Position des ehemals deutschen Stettins und seit 1945 polnischen Szczecins. Auch die von Forsters Romanfigur Margaret evozierte, in diesen Breiten eher ungewöhnlich anmutende astronomische Uhr im Innenhof des Stettiner Schlosses – im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört, danach als Schloss der pommerschen Herzöge wiederaufgebaut – weckt heute noch die Neugier des Besuchers.

 

Das Jahr 1945 bedeutete mit Sicherheit den tiefsten Einschnitt in der Geschichte der Stadt seit der entgeltlichen Übernahme des „Herzogtums Stettins“ durch Preußen kraft des mit Schweden unterzeichneten Friedens von Stockholm (1720). Der Zweite Weltkrieg hinterließ so wie in den meisten deutschen Metropolen auch in der pommerschen Großstadt flächendeckend Spuren der Verheerung – zunächst aufgrund der alliierten Luftangriffe (1943/1944), dann in der Abschlussphase des Kriegs, als Stettin noch für einige Tage zur Festung erklärt wurde. Nach dem Rückzug der deutschen Kampfeinheiten marschierte die Rote Armee vor 75 Jahren, am 25. April 1945, in eine nunmehr weitgehend zerstörte und von der Mehrheit ihrer Bevölkerung verlassene Stadt ein: Wenige Tausende Stettiner übergaben den sowjetischen Soldaten kampflos eine im historischen Kern zu fast 90% zerbombte Stadt. Deren territoriale Zugehörigkeit wurde zwar von den Alliierten festgelegt, doch aufgrund ihrer besonderen Lage an der Oder, blieb zunächst für viele lokale Akteure und Entscheidungsträger vor Ort unklar, ob auch die auf dem linken – grundsätzlich deutsch gebliebenen – Flussufer gelegenen Stadtteile tatsächlich dem polnischen Staat zugeteilt werden sollten. Die polnischen Behörden schufen in dieser Hinsicht vollendete Tatsachen, die Anfang August 1945 auf der Potsdamer Konferenz von den drei Großmächten bestätigt wurden. Allerdings hatte die Stadt zwischen Mai und Juli im Schatten der sowjetischen Streitkräfte mehrmals zwischen deutschen und polnischen Stadtbehörden hin und her gewechselt. Die Bemühungen um ein polnisches Szczecin entsprachen in Zeiten noch sehr unsicheren Friedens tatsächlich einem „Kampf“, wie der erste polnische Stadtpräsident Szczecins, der (1910 in Heidelberg geborene) Posener Ingenieur Piotr Zaremba, seine 1986 veröffentlichten Erinnerungen betitelte.

 

Die kulturelle Aneignung der Stadt Szczecin wiederum verlief über einen noch viel längeren Prozess, der sich mit der Überwindung kollektiver psychologischer Hürden verband. Vor allem galt es sowohl praktisch für die polnischen Ansiedler als auch politisch für die zentralen staatlichen Strukturen Nachkriegspolens, das in den neuen West- und Nordgebieten des Landes – gerade auch in Szczecin – in der Nachkriegszeit stark verspürte Gefühl der Fremdheit abzubauen, über welches die lautstarke patriotisch-kommunistische Propaganda bezüglich dieser „Wiedergewonnenen Gebiete“ nicht hinwegzutäuschen vermochte. Im Falle Szczecins lag die Ursache dafür nicht zuletzt an seiner einzigartigen, neuen Grenzposition, die die Stadt und ihr Weichbild einerseits weitgehend von ihrem historischen westlichen Hinterland in Vorpommern sowie von Berlin als ihrem bisherigen wirtschaftlichen Hauptorientierungspunkt abschirmte, ihr aber andererseits – nunmehr aus Warschauer Perspektive – zunächst die Aura eines nicht gebändigten „wilden Westens“ verlieh. Szczecin wurde zu einem Grenzposten und blieb bis auf militärische und ostblockinterne sicherheitspolitische Aspekte von der zentralen polnischen Verwaltung lange stiefmütterlich behandelt. Zwar galt die Stadt als Mittel zum Zweck der Erhaltung des polnischen Territoriums an Ostsee und Oder, doch deren Eigenwert wurde kaum wahrgenommen. Der Wiederaufbau der Stadt – auch der Hafenanlagen – litt bis spät in die 1950er Jahre hinein daran, dass ein Teil der Bausubstanz abtransportiert wurde, um dazu zu dienen, die von Nazideutschland dem Erdboden gleichgemachte polnische Hauptstadt Warschau wieder zu errichten. Ebenso blieb die Bereitschaft der lokalen Bevölkerung, über die dringendste Behebung der Kriegsschäden hinaus in Szczecin zu investieren, sehr gering. Die neuen Einwohner lebten noch lange nach Kriegsende sprichwörtlich auf gepackten Koffern. Schuld daran war der trotz der auf beiden Seiten der Oder zahlenmäßig starken sowjetischen Präsenz nach wie vor unsichere Status der polnischen Westgrenze aufgrund deutscher Territorialansprüche. Szczecin litt akut am polnischen Oder-Neiße-Komplex.

 

Natürlich hatte die noch junge Deutsche Demokratische Republik (DDR) die Grenze an Oder und Lausitzer Neiße anerkannt. Bereits im Juli 1950 war die Grenze zwischen den beiden „sozialistischen Bruderstaaten“ festgelegt und bestätigt worden – vonseiten der DDR-Führung allerdings eher ein Lippenbekenntnis, machten doch die deutschen Vertriebenen zu jener Zeit noch rund ein Viertel der gesamten DDR-Bevölkerung (bis hin in die Parteispitze) aus. Auch das für die ostdeutsche Wirtschaft verlorene Potenzial des seit 1914 durch den Hohenzollernkanal mit Berlin verbundenen Stettiner Hafens – von Rostock nicht wettzumachen – blieb praktisch bis in die 1980er Jahre der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) ein Dorn im Auge, was auch zu etlichen Spannungen um die Aufteilung der Hoheitsgewässer im Stettiner Haff und in der Pommerschen Bucht führte. Die eventuellen lokalen Ansprüche der DDR bedeuteten jedoch eine weit geringere Bedrohung als die globale Nichtanerkennungspolitik der Bundesrepublik in Hinblick auf die Oder-Neiße-Grenze. Erst durch den von Bundeskanzler Willy Brandt unterzeichneten Warschauer Vertrag von Dezember 1970 zur Normalisierung der Beziehungen zwischen Westdeutschland und der Volksrepublik Polen begann der eigentliche Abbau der polnischen Ängste vor einem deutschen Grenzrevisionismus.

 

Astronomische Uhr am Turm vom Stettiner Schloß
© https://pl.wikipedia.org/wiki/Plik:Szczecin_Zamek_Ksiazat_Pomorskich_zegar.jpg

Die zunehmende Sicherheit um die polnische Westgrenze war auch nach und nach in Szczecin wahrzunehmen. Die zweite Generation der Ansiedler war dort nicht mehr bereit, der Partei kritiklos zu gehorchen, und auch die antideutsche Propaganda, die bislang geholfen hatte, die Gesellschaft um die Partei zusammenzuschmieden, wirkte sich nun immer schwächer aus. Szczecin – das wissen außerhalb Polens die Wenigsten – war auch eine der Hafenstädte, in der die Werftarbeiter sowie breitere Teile der Gesellschaft gegen die Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) protestierten (zum Teil gewaltsam, wie der Aufstand von Dezember 1970 mit der Stürmung der lokalen Parteizentrale in Szczecin vor Augen führte). Die Unsicherheit in Bezug auf die deutsch-polnische Grenze wurde jedoch letztlich erst durch den Abschluss des Grenzvertrags zwischen dem wiedervereinigten Deutschland und dem demokratischen Polen im November 1990 behoben. Einer oft erzählten Großstadtlegende zufolge soll in einem Vorort Szczecins ein älterer Herr erst danach beschlossen haben, den Gartenzaun seines ehemals von Deutschen bewohnten Grundstücks zu streichen, da er sich vorher nie so ganz sicher gewesen war, ob die Stadt und ihre Umgebung doch nicht wieder an Deutschland abgetreten würden. Diese Anekdote ist auf jeden Fall symptomatisch für ein selbst noch in der späten zweiten Generation der polnischen Bevölkerung Szczecins oft anzutreffendes Gefühl des Provisoriums, das erst mit den unmittelbaren Folgen des Falls des Eisernen Vorhangs endgültig nachließ.

 

Für Szczecin bedeutete die neue geopolitische Situation in Europa zwar keine Änderung seiner Grenzlage, in den ersten wilden Jahren der Transformation entwickelten sich aber aufgrund des nunmehr bis an die Oder verschobenen wirtschaftlichen Ost-West-Gefälles zunächst Phänomene, die mehr der typischen Grenzkriminalität als der ökonomischen Entwicklung anzurechnen waren, wie es beispielsweise der polnische Film Młode wilki („Junge Wölfe“, 1995) anschaulich thematisierte. Trotzdem wurde schon damals der Weg eingeschlagen, auf dem Schritt für Schritt, wenn auch langsamer als in anderen ehemals deutschen Städten wie etwa Wrocław (Breslau), Szczecin zu einer wichtigen wirtschaftlichen und kulturellen Metropole im deutsch-polnischen Grenzraum heranwuchs. Eine ausschlaggebende Rolle spielen dabei bis heute die Instrumente, die von der Europäischen Union zur Integration und Entwicklung der Grenzregionen zur Verfügung gestellt werden. Die Grenze besitzt fast dreißig Jahre nach dem deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag von Juni 1991 auch eine ganz andere Qualität: Die zu DDR-Zeiten gebetsmühlenartig heraufbeschworene These von der „Grenze, die nicht trennt, sondern einigt“, bildet mittlerweile – fernab von Ideologie und aus der Praxis heraus – für immer mehr Polen und Deutsche eine fühlbare Realität mit hohem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Mehrwert, in der Pendeln zum Alltag gehört und grenzüberschreitende Kooperation, wenn auch nicht reibungslos, zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Die große Bedeutung der Euroregion Pomerania und die ausschlaggebende Rolle, die dabei Szczecin zuteil geworden ist, werden gerade jetzt – in Zeiten epidemiebedingter Beeinträchtigungen im Grenzverkehr – sehr deutlich. Und wenn es tatsächlich so etwas wie die „Stettinität“ geben sollte, dann ließe sich der Genius Loci dieser Grenzmetropole wohl am ehesten mit dem der Geschichte und Geografie entsprungenen Hang zu Offenheit und Pragmatismus zusammenfassen.

 

Die Oder fließt unbehelligt weiter – panta rhei; Szczecin ist heute interessanter denn je; und die astronomische Schlossuhr rollt dazu staunend mit den Augen.

 

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

2 Gedanken zu „Stettin: Vom Zwischenraum zur Grenzmetropole“

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