Französisch-polnische Freundschaft in Theorie und Praxis. Ein Essay

In den vergangenen hundert Jahren wurde im Umgang zwischen Frankreich und Polen wohl kein anderes Motto so oft und nahezu sprichwörtlich gebraucht wie das der „Freundschaft“. „L’amitié franco-polonaise“, „przyjaźń polsko-francuska“ – in beiden Sprachen wurde der Ausdruck bereits in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs (siehe: “Frankreich: General Haller und Polens Unabhangigkeit 1918”) und mehr noch in der Zwischenkriegszeit zum festen Bestandteil vieler bilateraler Treffen und fehlt bis heute in kaum einer Sonntagsrede zur Verflechtungsgeschichte beider Staaten und Nationen. Das geflügelte Wort, zu dessen Gebrauch sich gediegene Diplomaten beider Länder bei jedem Jahrestag und Jubiläum (derer es 2018 nicht mangelt) stets verpflichtet sehen, wirkt jedoch mitunter irritierend, wenn zwischen Paris und Warschau politisch gerade keine besondere Eintracht herrscht. Ausgerechnet in jüngster Zeit häufen sich Themen, die schon vermehrt zu Funkstörungen geführt haben und jeweils ihr eigenes Schlagwort besitzen: „Caracal“ (die Hubschrauber-Affäre), „die Gabel“ (in Bezug auf die Aussage des damaligen polnischen Verteidigungsstaatssekretärs Bartosz Kownacki), usw. Natürlich sollen kurzfristige Streitigkeiten von mittel- bzw. langfristigen gemeinsamen Interessen auseinandergehalten werden (siehe: “Die Wellen und der Strom”), doch eine Reflexion zum eigentlichen Sinne und Nutzen des Freundschaftsbegriffs in den zwischenstaatlichen Kontakten ist deshalb auch nicht uninteressant.

 

Was sagt uns Aristoteles? In seiner berühmten Nikomachischen Ethik bemühte sich der altgriechische Philosoph, zwischen verschiedenen Formen der Zuneigung zu unterscheiden und die Grundkriterien der Freundschaft herauszuarbeiten. Nun bezog sich seine Kategorisierung in erster Linie auf zwischenmenschliche Beziehungen, doch der Stagirit suggerierte wiederholt bestimmte Parallelen im Kontakt zwischen politischen Gemeinschaften, wobei sich Staaten, wenn schon, dann nur auf eine – vom ihm als nicht langlebig betrachtete – Nutzenfreundschaft einlassen. Abgesehen von jeglichen zeitlichen und kulturellen Spezifizitäten seiner Überlegungen erkannte er schon damals ein grundsätzliches Merkmal darin, „dass man sich gegenseitig wohlwolle und Gutes wünsche, ohne dass einem diese gegenseitige Gesinnung verborgen bleibt […]“ (VIII. Buch, 2. Kap., 1156a, Übers. E. Rolfes, 1911). Dieses beiderseits wahrgenommene Wohlwollen (εὔνοια, eunoia) als Grundlage für die Freundschaft genüge jedoch nicht; beide Freunde müssten darüber hinaus miteinander sein und schaffen wollen. Außerdem verlange Freundschaft im Idealfall „Gleichheit“ (ἰσότης, isótês) und „Reziprozität“ (ἐπιείκεια, epieikeia). Mit anderen Worten dürfe zum einen zwischen beiden potenziellen Freunden keine zu große Asymmetrie bestehen, zum anderen werde erwartet, dass sich beide Seiten in ähnlichem Maße in das Verhältnis einbringen. Soweit die Theorie. Selbst Aristoteles räumte in Hinblick auf die zwei zuletzt genannten Kriterien immerhin ein, „eine genaue Bestimmung, wie weit der Unterschied gehen darf, um noch für eine Freundschaft Raum zu lassen, [sei] freilich nicht möglich“ (7. Kap., 1159a).

 

© Zygmunt Januszewski

 

Theoretische Ansätze zu den internationalen Beziehungen befassen sich ja nun kaum mit der Frage nach den Möglichkeiten einer freundschaftlichen Beziehung zwischen Staaten, sondern eher mit den Voraussetzungen für das Vermeiden bzw. die Regelung von Konflikten. Maßgebend sind dabei in Entscheidungsprozessen weniger Zuneigung, Wohlwollen oder gar Freundschaft, sondern vielmehr das Einschätzen von Risiken, die Suche nach gemeinsamen Interessen und die Schaffung von Absicherungsmechanismen. Das heißt allerdings keineswegs, dass die internationale Politik (z.B. in Versöhnungsprozessen) ohne Emotionen auskommen könnte: Die Medien, die meistens mehr schlecht als recht zur Emotionalisierung des politischen Lebens beitragen, zeigen täglich, wie stark politische Entscheidungen und öffentliche Gefühlslage einander beeinflussen und aufeinander zurückwirken. Doch abgesehen vom tagespolitischen Wechselbad der Gefühle bestehen im wiederholten Umgang zwischen Staaten auf längere Zeiträume hinweg gefühlsbedingte Strukturen, die die Qualität ihrer Beziehungen mitbestimmen. Regelmäßige Kontakte schaffen Vertrautheit, diese ist aber noch nicht gleichbedeutend mit Vertrauen. Letzteres – so könnte man es in Anlehnung an die von Aristoteles genannten Voraussetzungen der Freundschaft auf den Punkt bringen – verlangt dazu noch das gegenseitige Pflegen gemeinsamer Interessen auf Augenhöhe. Damit hätte man auch schon ein (zumindest qualitatives) Messinstrument, um das französisch-polnische Verhältnis aus zeithistorischer und heutiger Perspektive in toto auf seine Freundschaftlichkeit zu prüfen.

 

Eine weitgehend wohlwollende Haltung zueinander wird man den Akteuren dieser bilateralen Beziehungen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts nicht abstreiten. Was Inhalte anbelangt, so weisen diese Relationen jedoch bei näherer Betrachtung einen gewissen Reziprozitätsdefizit auf: Während Frankreich – gelegentlichen Unstimmigkeiten zum Trotz – für viele Polen jenseits ideologischer Zugehörigkeiten des öfteren die Rolle eines kulturellen Vorbildes innehatte und in Phasen internationaler Spannungen zum ersehnten Verbündeten gegen gemeinsame Bedrohungen (aus Deutschland) betrachtet wurde, blieb der Bezug zu und das Interesse an Polen für die französischen Entscheidungsträger in vielerlei Hinsicht von der Qualität des französischen Verhältnisses zu Deutschland – und Russland/der Sowjetunion – abhängig. Zumindest aber förderte gerade das Vorhandensein bzw. die Wahrnehmung einer gewissen Schicksalsgemeinschaft in Hinblick auf Herausforderungen der internationalen und europäischen Politik im 20. Jhdt. das Schmieden einer französisch-polnischen Nutzenfreundschaft.

 

War der einst gemeinsame Nenner französischer und polnischer Ängste, also die ebenso sprichwörtliche „deutsche Gefahr“, einmal entfallen, indem das wiedervereinigte Deutschland seit den 1990er Jahren im akzeptierten und mitgestalteten Rahmen der Europäischen Union nunmehr zu einem gezähmten Riesen wurde, so begann für die Kontakte zwischen Paris und Warschau eine Zeit der inhaltlichen Ungewissheit. Während die „Freundschaft“ weiterhin heraufbeschworen wurde, wird man den Eindruck nicht los, dass die französisch-polnischen Beziehungen heute eines neuen tragfähigen Narrativs bedürfen. Der an sich vielversprechende Ansatz des Weimarer Dreiecks, der im nachhinein auch als Versuch interpretiert werden könnte, mit der deutsch-französischen Versöhnung die deutsch-polnische zu stärken und die französisch-polnische Freundschaft hinüber zu retten, hat auf zwischenstaatlicher Ebene schnell seine Grenzen bewiesen: Nach optimistischem Auftaktrennen im Rausche der Emotionen um das nun wieder absehbare Zusammenwachsen des europäischen Kontinents hinkte das Dreieck bald nur noch von Gipfel zu Gipfel, erwies sich immer mehr als Quadratur des Kreises und kam vorerst zum Stillstand. In dieser Konstellation versuchen Frankreich und Polen (im Jubiläumsjahr 2018 auch mit Hilfe von gemeinsam reaktivierten Erinnerungsorten der Zusammenarbeit – bis hin zur damaligen Waffenbrüderschaft), wieder stärker zueinander zu finden, um die anvisierte und mehrmals sogar unterzeichnete „strategische Partnerschaft“ zwischen beiden Ländern mit mehr Inhalt zu füllen.

 

Sind Franzosen und Polen nun Freunde oder nicht? Zunächst wird man sich allem Idealismus zum Trotz und abgesehen von zahlreichen berühmten oder anonymen zwischenmenschlichen Freundschaften zwischen Angehörigen beider Nationen wohl damit abfinden müssen, dass der Begriff „Freundschaft“ im internationalen Kontext vorwiegend ein Mittel zur Reduktion gesellschaftlicher und politischer Komplexität darstellt. Das ist zwar verständlich, setzt jedoch hohe Ziele und sorgt demnach mitunter für Enttäuschungen. Nichtsdestoweniger kann man das französisch-polnische Verhältnis bestimmt als besondere, historisch gestärkte zwischenstaatliche Partnerschaft in Europa bezeichnen.

Ohne das von Aristoteles beschriebene Ideal der Freundschaft als reales Ziel anzuvisieren, gibt es tatsächlich zwei Punkte, deren Realisierung zu besser funktionierenden Beziehungen beitragen mögen: Erstens wäre seitens Frankreichs tatsächlich dafür zu sorgen, dass bei aller bestehenden (u.a. wirtschaftlichen) Asymmetrie zwischen beiden Partnern im Umgang miteinander Gleichheit angestrebt werde; der oft von Polen – vor allem unter der PiS-Regierung und nicht nur mit Deutschland – verlangte „Dialog auf Augenhöhe“ entspricht dem Bedürfnis, als „ebenbürtig“ bzw. „gleichwertig“ behandelt zu werden, das bereits Aristoteles als wichtige Voraussetzung betont hatte. Zweitens lässt in beiden Ländern die Kenntnis vom jeweils anderen noch sehr zu wünschen übrig; Franzosen und Polen wissen voneinander – trotz starker polnischer Präsenz in Frankreich und zunehmender französischer Erkundung Polens – weiterhin zu wenig, worauf mangels entsprechender Daten (ein französisch-polnisches Barometer wäre keine schlechte Idee…) zumindest die immer wieder beobachtete Aufnahmefähigkeit für gegenseitige – negative – Stereotype schließen lässt. Notwendig ist also weiterhin das Schaffen eines differenzierten Polenbildes in Frankreich und Frankreichbildes in Polen – eine täglich einzulösende Aufgabe sämtlicher Akteure in Politik, Kultur, Medien, Hochschulwesen und Wirtschaft.

In diesem Punkte bleibt Aristoteles’ Lehre nämlich mit Sicherheit unübertroffen: Der Unkenntnis – insbesondere der jeweiligen Gefühlslage – kann zwischen Partnern keine Freundschaft entspringen, denn (2. Kap., 1156a) „wie könnte man sie Freunde nennen, da dem einen die Gesinnung des anderen verborgen bleibt?“

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Pierre-Frédéric Weber

Dr. habil. Pierre-Frédéric Weber ist Historiker und Politikwissenschaftler und lehrt als Dozent an der Universität zu Szczecin (Polen). In seinem jüngsten Buch befasst er sich mit dem Phänomen der Angst vor Deutschland in Europa seit 1945 ("Timor Teutonorum", Schöningh, Paderborn 2015).

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